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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band | |
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die Gottheit in geistiger Finsterniß zu suchen befiehlt und ihr mit Racheopfern statt mit Liebesopfern dient. Kopf und Herz der Mehrzahl sind solchen Lehren unzugänglich, und Verstand und Gemüth wenden sich von ihnen weg mit Abscheu.
Nirgends hat sich in unsern Tagen der Auswanderungstrieb rascher und gewaltiger entwickelt als in Schleswig-Holstein. Schleswig-Holstein! Ist’s doch, als wäre der Laut, bei dem die deutschen Herzen so warm und so rasch geschlagen, schon kein deutscher mehr! – –
Aber was quälen wir unsern Geist mit Zuständen, wo kein Fragen hilft und kein Klagen! Ist’s auch im Volksherzen traurig und dunkel geworden, so blieben Licht und Heiterkeit doch im Reiche der Natur, und in diesem Licht wollen wir auch das Land der Holstein-Schleswiger betrachten. –
Die von zweien Meeren, der Ost- und Nordsee, umschlungenen Herzogthümer Schleswig und Holstein sind wie die Küsten von Hannover, Oldenburg und Holland, einst von den Fluthen des Oceans bedeckt gewesen. Die Gewalten, welche von Zeit zu Zeit die Kruste des Erdballs verändern, indem sie Theile derselben aus der Tiefe an’s Sonnenlicht heben, andere aus diesem in die Nacht der Gewässer versenken, hoben auch jenes Land aus dem Meergrund. Als die Menschen kamen und sich auf dem Lande ansiedelten, war es eine weite Moor- und Sumpffläche, bedeckt mit Seen, durchzogen von schleichenden Flüssen. Haide und Torfgewächse, niedrige Birken und Kieferholzungen waren die Bilder seiner Vegetation. Es gehörte tausendjähriger ausdauernder Fleiß dazu, die Schlamm- und Moorbänke durch Eindeichungen und Gräben zu entwässern, als fruchtbares Feld dem Ackerbau zu erobern und es vor neuer Ueberfluthung zu sichern. So sind jene reichen Landstriche der Marschen entstanden, welche das Meer und die Flüsse an der Nord- und Ostsee in einer Ausdehnung von fast 100 Quadratmeilen umziehen und an deren Ränder Reichthum und Wohlhabenheit, in etwa 80 Städten und Flecken und mehren tausend Gehöften, ihre Wohnsitze aufschlugen.
Diese Marschen bilden eine besondere Welt für sich. Schon ihr Aeußeres zeigt sie als eine solche. Da die Marsch ein Niederschlag aus dem Wasser ist, so ist sie vollkommen flach und scheidet sich daher scharf von dem hügeligen Sandboden (dem alten Meergrund), der ihr, wie dem Fleisch die Rippe, zum Halt dient. Die Marschbewohner nennen dieses wellige Sandland die „Geest“ oder „Gast“. „Geest“ und „Marsch“ sind in den Vorstellungen der Friesen und Holsten immer Gegensätze und ein rechter Marschbewohner glaubt wohl gar, das feste Land überhaupt bestehe aus Marsch und Geest. Die Marsch ist niedrig, eben: die Geest uneben; jene ist überaus fruchtbar; diese ist es in viel minderem Grade: die Marsch ist baumlos; die Wälder der Friesen und Holsten sind nur in der Geest zu finden: in der Marsch ist jede Handbreit Boden angebaut und Privateigenthum; in der Geest sind große Strecken ohne Kultur, Haide oder Moorland, und Gemeingut der Städte und Kirchspiele: die
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1850, Seite 286. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_14._Band_1850.djvu/292&oldid=- (Version vom 9.8.2025)