Seite:Meyers Universum 14. Band 1850.djvu/294

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

flüssige Wasser dem Meere zuzuführen. Im Herbst und Frühjahr sind sie voll – und dann ist jeder Acker eine Insel, zu der ein Bret als Steg führt. Im Sommer aber sind die Gräben trocken und mit üppigem Grün überzogen. Dann sieht man überall die Rinder in denselben grasen.

Ich habe schon an einer früheren Stelle meines Buchs das Volk dieses Landstriches geschildert. Es ist der alte Heldenstamm der Friesen und Angelsachsen, welcher in den Enkeln seiner Ahnen, die England eroberten, jetzt die halbe Erde beherrscht. Und dieses Volk, der Stolz und die Kraft der deutschen Nation, geißelt der Däne, weil es sein Recht nicht lassen will und sein Volksthum nicht ändern mag, wie ein Schuft seinen Glauben, – wie ein Höfling sein Kleid.

Kiel ist der Mittelpunkt und der Träger des geistigen und materiellen Lebens Holsteins. In herrlicher Lage, an einer tiefen, weit in das Land hineintretenden Bucht der Ostsee, wo der Eider-Kanal mündet, und von der Seeseite her durch die Veste Friedrichsort vor jedem Handstreich geschützt, in einer reizenden und fruchtbaren Landschaft, ist die Stadt an Größe, Handelsthätigkeit und Wohlstand bis auf die neueste Zeit stätig fortgewachsen, und seitdem die Eisenbahnverbindungen mit der Nordsee und der Elbe ihr frische Hülfsquellen zuführten, ist der Aufschwung des Kieler Verkehrs so groß geworden, daß er die Eifersucht Hamburgs, Altona’s und Lübecks erregte und alle übrigen deutschen Ostseehäfen, Stettin nicht ausgenommen, überflügelte. Seit 20 Jahren hat sich die Bevölkerung Kiels von 8000 auf 16,000 vermehrt; die Frequenz des Hafens stieg auf fast das Dreifache (von 1300 Fahrzeugen auf 3200) und in gleichem Verhältniß wuchsen Ein- und Ausfuhr bis zum Jahre 1848. Dieses war der Wendepunkt. Die deutsche Revolution, riß auch Holstein mit in’s Verderben, und steckte dem Erblühen Kiels ein Ziel. Kiel, das im Kampfe gegen die Unterdrückung des holsteinischen Rechts und deutschen Volksthums die größten Opfer am bereitwilligsten und freudigsten brachte, blutete an den Wunden des Kriegs auch am heftigsten, und muß die Züchtigung des erzürnten Herrn am härtesten fühlen. Der Handel Kiels hob sich wenig nach wiederhergestelltem Frieden. Er hat, wie die Herzen, unheilbare Schläge empfangen, und sollte Dänemark die Zollgrenze von der Eider an die Elbe rücken und dadurch Holsteins kommercielle Verbindungen mit Deutschland mindern, so ist, so lange ein solches Verhältniß dauern wird, an ein Wiederaufkommen Kiels nicht zu denken.

Die geistige Kraft der deutschen Nationalität in Schleswig und Holstein hatte in der Kieler Universität ihre festeste Grundlage. Von dort wurde der Kampf gegen die andrängende Dänisirung der Herzogthümer beharrlich, nachdrücklich und erfolgreich geführt und von da aus gingen die Drähte über das Land, die mit einem Male das ganze Volk zum Kampf erhoben, als keine andere Weise der Vertheidigung des deutschen Volksthums gegen die Wucht des Dänendrucks mehr übrig war. Das hat der Däne nicht vergessen und er gebrauchte