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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band | |
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Schleswigs Inneres, die vielen großen und massiven Gebäude aus alter Zeit – wir nennen das alte Herzogsschloß Gottorp mit seinen Gräben, Wällen und Mauern, das Rathhaus, den ehrwürdigen Dom, das Gymnasium, die Hospitäler, das Zucht-, das Waisen- und das Irrenhaus – hat ein oft recht pittoreskes Ansehen, das mit dem Charakter seiner Umgebung gut harmonirt. Aber Leben und Ton in Schleswig sind weit weniger angenehm und ungezwungen, als in Kiel. Kastengeist und politischer Zwiespalt halten die Menschen geschieden und setzen der Geselligkeit engere Schranken.
Vor der Stadt ist das Danewerk – ein gewaltiger, 30–40 Fuß hoher und 4 Stunden langer Wall, – der vor 1000 Jahren von den Dänen aufgerichtet wurde, um sich gegen die andrängenden Deutschen zu schützen. Jetzt setzt der Däne keck seinen Schlagbaum an die Elbe, lehrt dänisch in deutschen Schulen und läßt das Evangelium den Angeln und Friesen in dänischer Sprache verkündigen.
Auf dem „pulchrum littus“ (dem „schönen Ufer“) der Tiber, unfern der Ponte rotto, stehen die wohlerhaltenen Ueberbleibsel eines runden Tempels aus der Zeit des August, Tempel der Vesta geheißen. Schon Virgil und Horaz thun seiner Erwähnung.
Vidimus flavum Tiberim, retortis
Littore Etrusco violenter undis,
Ire dejectum monumenta regis
Templaque Vestae. HOR.
Der zirkelrunde Tempel ist von den schönsten Verhältnissen und hat 170 Fuß im Umfang. Er ist von parischem Marmor erbaut, mit vorspringendem Dach, das eine Kolonnade von 20 kanellirten, 35 Fuß hohen Säulen korinthischer Ordnung trägt. Die Entablatur und das antike Dach sind längst verschwunden. An ihre Stelle ist eine Ziegelbedeckung getreten, und auf der Spitze, die einst die Kolossalstatue der Vesta geziert hat, steht das Zeichen des christlichen Kultus. Das Gebäude selbst (die Cella) ist seit 14 Jahrhunderten eine Stätte der Madonnenverehrung geworden.
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1850, Seite 292. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_14._Band_1850.djvu/298&oldid=- (Version vom 9.8.2025)