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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band | |
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Der kleine Badeort Montmorency liegt 3 Stunden von Paris. Die Heldensage des Mittelalters weht um seinen Namen, und unwillkürlich denkt man an Turniere und Königshof, an Ritter in schimmernden Stahl auf reichgeschmückten Rossen und an schöne Frauen in Gold und Sammt und Seide; an den Adelsglanz des Mittelalters und an seinen Begleiter: bleiches Volk in Lumpen; an die Pracht und den Uebermuth, an die Laster und die List, an den Reichthum und die Raubsucht Oben – und an die Rohheit, die Unwissenheit, die Armuth und die Rechtlosigkeit Unten. Das ist nun anders. Das Schloß der Montmorency ist von dem Boden verschwunden, welchem es den Namen gab, mit sammt dem Geschlecht, und wo nie ein Bürgerlicher hingekommen, denn als Knecht oder Bettler: – da wandelt jetzt das muntere Arbeitervolk mit dem ersparten Frank der Woche in der Tasche, und schaut stolz und spottend auf die alten Wappen der Herzöge, und denkt: wir sind besser, als ihr! – Die finstern Geister des Schwertrechts sind geflohen, eingezogen sind die Genien des Scherzes, und nur Tanz, Gesang, Spiel und Lust flattern um das liebliche Montmorency mit seinen entzückenden Parkanlagen, seinen Hotels und Restaurationen, seitdem es zu einem Ziele der Sonntagsausflüge der Pariser geworden ist. Diese suchen hier nichts als das Vergnügen, und nirgends wird es ihnen in reichlicherem Maße geboten. An so einem lichten Sommer-Sonntage ist das ganze Thal aufgeputzt wie zu einem Feste des Saturns; überall ist Glanz, Freude, Ueberfluß; Musik an hundert Orten, Tanz unter Zelten und im Freien, dampfende Tafeln in jedem Saale, und klirrende Gläser und Jubel überall. Weder Rang noch Vermögen, noch Stand, noch Bildung scheiden die frohen Menschen. Gleichheit ist das Gesetz für Alle, und Alle folgen nur einer Herrin: der Freude. Sie thun wohl daran! Hat das karge Leben der großen Mehrzahl des Volks doch kaum eine andere Freude, als diese Sonntagsträume, welche eine Erde voller Arbeit auf ein paar Stunden zum Eden macht! An den seligen Minuten, die sie spenden, muß die Erinnerung manchmal ein Leben lang nagen und die paar Tropfen müssen ein ganzes Wermuths-Daseyn versüßen. – –
Aber nicht die Rittergespenster der Vorzeit und die Sylphiden des Vergnügens allein machen Montmorency interessant und fashionabel, – eine tiefere Theilnahme ist ihm gegeben durch einen Namen, in welchem der Geist der Liebe durch die ganze Menschheit weht. Was ist der verblichene Glanz des Herzogsgeschlechts gegen den Sternenkranz, der in der Tiefe des Himmels den Namen „Rousseau“ umstrahlt? Was ist das Wirken
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1850, Seite 30. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_14._Band_1850.djvu/36&oldid=- (Version vom 21.6.2025)