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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band | |
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jenes ganzen Stammes gegen das Wirken dieses einzigen Denkers? Die Erde ist voll seiner Thaten. Die Saat, die er ausgeworfen hat, trugen die Stürme der Zeit über Meere, Berge und Wälder, und sie ist aufgegangen in allen Zonen. ''Rousseau wußte von keinem Gute der Welt und war doch ein Krösus an unvergänglichen Schätzen. Kein Prachtdenkmal drückt seine Asche, wie die jener Herzöge; aber wo endigt sein Wirken, wo hört sein Leben auf? Wie viel Erzieher, Gesetzgeber, Staatsleute sind in diesem einzigen Manne geboren, und wie viele werden noch geboren werden!
Vor drei Vierteljahrhunderten war das Thal von Montmorency unberührt von der Pariser Welt. Das Reh rauschte noch in dem Laub des Waldes, und auf der ganzen Besitzung waren wenige Wohnungen. Rousseau kam auf seinen einsamen Wanderungen zufällig dahin und gewann das friedliche Stückchen Erde so lieb, daß er sich ein Häuschen miethete und lange Jahre wie ein Klausner lebte. – Seit der Zeit ist’s als Eremitage Rousseau’s bekannt und es wird mit Sorgfalt erhalten.
„Rousseau, Rousseau!“ ruft mein heimgegangener edler Freund Börne aus: – „Rousseau! Seht die Kastanienbäume dort! sie haben Rousseau gekannt und mit Schatten bewirthet seine glühende Seele. Im Häuschen da wohnte er; ich sehe in die Fenster; es ist Rousseau’s Stübchen; aber er ist nicht daheim. Dort steht der kleine Tisch, an dem er die Heloise gedichtet; da steht das Bett, in dem er ausgeruht von seinem Wachen. O heiliges Thal von Montmorency! Kein Pfad, den er nicht gegangen; kein Hügel, den er nicht hinaufgestiegen; kein Gebüsch, das er nicht durchträumte! Der helle See, der dunkle Wald, die blauen Berge, die Felder, die Dörfchen, die Mühlen – sie sind ihm alle begegnet und er hat sie alle gegrüßt und geliebt! –“
Ja geliebt. Das ist der rechte Ausdruck. Rousseau’s Macht floß aus derselben Quelle, aus der des Erlösers Macht geflossen: – die Liebe. Wenn der Starke herrscht, so hat er den Stärkern zu fürchten; was der kluge Geist in seiner Brust beschließt, durchstreicht das tückische Geschick; nur was die Liebe thut, ist ewig, denn die Liebe ist das Stärkste, und auch die Götter sind ihr unterthan. Wie viel Tyrannen haben gelebt seit Rousseau sein Contract social geschrieben? Wie viel Völker haben gezittert vor ihrem Arm und wie viel gebebt vor ihrem Schwerte? wie viel Unthat, Schande, Elend und Sklaverei haben sie gethan und verschuldet? Und wo sind sie hin, diese Menschen, die sich wie Herrn der Welt gebärdeten? Ihre Werke sind vergangen, und von ihnen selbst blieb nichts übrig als der Fluch ihres Namens und eine Hand voll Staub, während Rousseau auf den Lehrstühlen sitzt von Jahrhundert zu Jahrhundert und sein Wirken die Ewigkeit umklaftert.
Darum erwache, meine zagende Seele! und fasse Trost. Laß die schwarzen Nebel das Firmament verfinstern; die Sternbilder stehen dennoch rein und klar am Himmel. –
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1850, Seite 33. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_14._Band_1850.djvu/39&oldid=- (Version vom 21.6.2025)