Seite:Meyers Universum 14. Band 1850.djvu/46
| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band | |
|
|
von dem Concordienplatze und der prächtigen Chausée d’Antin umrahmt. Von den freieren Punkten hat man die imposantesten Blicke auf die Prachtpartieen der Weltstadt: die Tuilerien, den Dom der Invaliden, das Marsfeld mit der Militärschule und die zahlreichen Paläste und Brücken, welche vom Quai Conti bis zum Quai d’Orsay das andere Seineufer besäumen. Unter den Bäumen stehen unzählige Rohrstühle. Für einen Sou kann Jeder einen haben; der Pariser braucht aber immer ein Paar; den zweiten, um Füße oder Arme darauf ruhen zu lassen. Er ist luxuriös in solchen Dingen.
Wir fanden heute die „Champs“ in Gala. Das sonnige, wonnige Wetter hatte nicht Tausende, nein, Hunderttausende hinausgelockt, und überall, auf allen Wegen und Pfaden und Rasenplätzen wogte spazierendes, geputztes Volk, oder ruhete Gruppe an Gruppe. Auf dem breiten Fahrweg difilirten die glänzenden Equipagen, die stolzen Reiter und Amazonen. Alle Stände waren gemengt; alle Parteizeichen an Bändern und Farben waren gemischt: nirgends eine Spur von Sonderung. Legitimisten, Bonapartisten, Orleanisten, die Republikaner aller Schattirungen, vom reinen Weiß bis zum grellsten Incarnat, spazierten Arm in Arm und verfolgten ein Ziel, das Vergnügen. Hätten die Abzeichen das politische Glaubensbekenntniß nicht verrathen, so würde es Niemanden eingefallen seyn, unter diesen friedlichen, geputzten und heitern Menschen die Zerstörer der alten Gesellschaft und die Erben der Zukunft – die Sozialisten, Kommunisten und Anarchisten – zu suchen. Und doch waren sie da, und doch wurde, wenn in diesem Augenblicke die Sturmglocke von Notre-Dame dem Pariser Volke das Zeichen „zur letzten Schlacht“ gegeben hätte, sich im Nu diese Menschenmasse aufgelöst haben und zwei Heere wären, zum Kampf auf Leben und Tod entschlossen, einander gegenüber getreten. –
Wir setzten uns im Schatten der Ulmen und ließen den Strom vorüberziehen. Mein Freund, ein eifriger Besucher der Nationalversammlung und der Klubbs, kannte fast jede hervorragende politische Persönlichkeit, und bezeichnete mir bald da bald dort eine interessante Erscheinung. „Siehst Du da drüben in der prächtigen Landau den gespreizten Kahlkopf mit der stolzen Miene voller Selbstgenügsamkeit? Das ist der große Odillon Barrot! Und dort in dem Staatswagen mit den galonnirten Jägern das kleine bewegliche Männchen mit der Brille auf der spitzen Nase? Seinen Schädel deckt schneeweißes Haar; aber sein Geist ist immer noch so burschikos, wie im Collège de France. Er grüßt rechts und links, nur damit man ihn wieder grüße. Das ist der Agamemnon der Ordnung – Herr Arthur Thiers, der, wenn einmal das Lumpenpapier 14 lange Tage säumen wurde, sich mit seinem Namen zu beschmutzen, sich gewiß erschießen würde; denn schon der Gedanke, 14 Tage lang vergessen zu seyn, brächte ihn zur Verzweiflung. Beide fahren in’s Elysée zum Ball des Präsidenten. – Und jener Herr da, inmitten eines Kranzes ältlicher Damen, – ich meine den Rothkopf mit der gelben Weste und dem scharf geschnittenen, edlen Gesicht, – das ist Berryer, der Legitimist. Jetzt winkt er einem
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1850, Seite 40. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_14._Band_1850.djvu/46&oldid=- (Version vom 21.6.2025)