Seite:Meyers Universum 14. Band 1850.djvu/49
| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band | |
|
|
und Aufrufen an die Nation und entzündeten sie zum Enthusiasmus, zum Heldenmuth, zur Raserei. – Die Kirchen wurden geschlossen, die Priester gemordet, die Guillotine gefeiert; aber auch jene Heere durch die Macht des Worts aus dem Boden gestampft, an welchen alle Armeen der verbundenen Dynastien des Welttheils zertrümmerten. Der Nimbus kriegerischen Ruhms, glänzender wie je einer gewesen ist seit der Zeit Alexanders, umstrahlte die Republik, und je mehr häusliches Glück verwüstet worden war, je trostloser und öde es in den innern Angelegenheiten des Reichs aussah, je höher schätzte die Nation das Eine, das ihr als Ersatz für alles Verlorene geboten wurde. „Gloire“ wurde der Abgott, den ganz Frankreich verehrte, und als er in Bonaparte den vollkommensten Ausdruck gefunden hatte, da mußte es diesem klugen und großen Mann leicht werden, den Ruhm über die Freiheit zu stellen und über die Republik – sein Ich.
Nun kamen die Männer des Schwerts und hielten Einzug in das Haus des Schicksals. Bonaparte wies die Pressen fort; er bedurfte ihrer nicht. Für das Talent und Wissen öffnete er andere Wirkungskreise. Das Elysée wurde Eigenthum Murat’s, seines Schwagers, dem er es geschenkt hatte.
Napoleon ordnete das Planetarium seiner Herrschaft. Als er damit fertig war, verlangte er eines Tags den Palast von Murat wieder. Murat zog aus, – Napoleon zog ein mit Josephinen.
Bonaparte, der hohe, einfache Mensch war untergegangen im Napoleon, dem Imperator und Halbgott; von Schlacht zu Schlacht, von Eroberung zu Eroberung eilend, kaltblütig das Leben und Glück von Millionen opfernd, niedertretend die Völker, Reiche bald zerstörend, bald aufrichtend, wie es seinen Planen gefiel, – war sein Herz allen zartern Gefühlen entfremdet worden. Zuletzt wendete sich seine frevelnde Hand auch gegen den Schutzengel selber, der ihn von den untersten Bahnen bis zur Oede und Höhe des Kaiserthrones begleitet hatte. – Marie Louise, die Habsburgerin, die Beute eines Feldzugs, führte der Tyrann als Kaiserin in’s Elysée, und die edle Josephine ward verstoßen. – Damit war das Maaß seiner Schuld voll, die Vergeltung begann ihr Werk. Angeschmiedet an den Montserrat mit dem einen, an den Ural mit dem andern Arme, war dem Titan die Kraft genommen. Baylen, Moskau, Leipzig, Paris, Elba – waren die Stationen auf dem Passionsgang des Korsen von dem höchsten Gipfel irdischer Macht bis zum Sturze. Die Aliirten zogen in Paris ein; Baschkiren und Kosaken standen Wache in den Gängen des Elysée; Kaiser Alexander von Rußland hatte es sich zur Wohnung gewählt. – Nach ihm kam die Restauration. Von den Monumenten und Palästen verschwanden die Insignien des Kaiserreichs, und an ihre Stelle traten die königlichen Lilien. Das Elysée wurde eine Residenz der Bourbonen. Was die Revolution übrig gelassen hatte von den alten Adelsgeschlechtern, sammelte nun das Königthum um sich; die Ehrenträger des Kaiserreichs wurden mit Hoffähigkeit begnadigt und die Wände errötheten nicht, als jene Marschälle, welche an der Seite ihres
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1850, Seite 43. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_14._Band_1850.djvu/49&oldid=- (Version vom 21.6.2025)