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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band | |
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wenn der frohe Thüringer aus seinen Bergen schaut und das Auge des Ewigen sucht in den Sternen und Gottes Stimme in dem Donner des Gewitters; – und wenn der Holsteiner und Dithmarse der Verheißung lauschen in dem Brausen des sturmgepeitschten Meeres: – sucht dann der Tyroler und der Steiermärker nicht das Nämliche in der weiten, herrlichen Natur seiner Alpen? und horcht nicht mit denselben Gefühlen, wie jeder andere deutsche Mann, der Oesterreicher der Stimme Gottes in den Wogen seines großen Stromes und im Rauschen des Waldes „Seyd einig und frei?“ Und wo, in welchem Winkel des Vaterlandes, fände ein solcher Zuruf nicht ein Echo , und welcher deutsche Mund sagte nicht dazu: „Amen! Amen! Ja, ja, so soll’s geschehen?“ Jede untergehende Sonne nimmt aller Deutschen Wünsche für das Vaterland mit fort und jede aufgehende Sonne bringt sie wieder. Die deutschen Stämme alle, ja alle mit einander wollen eins und dasselbe: Frieden in der Freiheit, und in der Einheit und Einigkeit der Nation gemeinsame Ehre und gemeinsames Glück. Wer ist’s, wer ist’s denn nun, der blutdürstig die Waffen schleift gegen verwandte Herzen? Wer ist’s, wer ist’s, der euch den Mordstahl reicht gegen die Brüder? Wer ist’s, wer ist’s, der Deutsche gegen Deutsche hetzt? Wer ist’s, wer ist’s, der unser herrliches Vaterland, das ein Paradies seyn könnte durch Gesittung, Freiheit und Frieden, zur Mördergrube macht durch Haß und Habsucht, und die Nation, welche, unter dem Wahlspruch: „E PLURIBUS UNUM,“ das glücklichste, geachtetste Volk der Erde und das erste im Rathe der Nationen seyn könnte , zum unglucklichsten macht und zum Gespotte aller übrigen?! –
Auf jedem Blatte der Geschichte steht,
Auf jeder deutschen Stirn, in jedem Herzen
Die Antwort! – – –
Alles nationale Leid, alles deutsche Elend ist auf Eins zurückzuführen, auf die Uneinigkeit im Volke, und die Mutter dieser Uneinigkeit ist die Roheit des großen Haufens. Wo Erkenntniß die Masse des Volks durchdrungen hat, da hält es fest zusammen: denn Einigkeit macht stark; da ist die Tyrannei unmöglich: denn die Knechtung findet dann keine Werkzeuge. Nur ein unwissendes Volk läßt sich berücken und bedrücken; nur unter Unterwissenden haben Lüge und Arglist Spielraum, und nur ein solches Volk ist über seine eigenen Interessen so sehr zu täuschen, daß es sich verführen und mißbrauchen läßt zu Allem, was seinem Wohle schadet; und ein solches nur läßt sich zur steten Uneinigkeit verhetzen und kehrt seine Kraft und sein Schwert gegen sich selbst. An einem solchen Volke gehet auch jede bittere Erfahrung, jede Warnung, jede Züchtigung, jedes Unglück früherer Zeiten verloren. Wäre das deutsche Volk nicht der Masse nach so roh und unwissend, niemals hätte es gelingen können, die kleinliche Eifersucht und den elenden Neid der Stämme und
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1850, Seite 53. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_14._Band_1850.djvu/59&oldid=- (Version vom 21.6.2025)