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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band | |
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Stämmchen gegen einander zu der Höhe zu treiben, daß sie der Wurzel vergessen, welche sie Alle nährt und trägt und niemals wäre es möglich gewesen, die Glieder zum Groll gegen den Körper aufzustacheln, die Kinder zur Mißhandlung der gemeinschaftlichen Mutter zu verleiten, die Brüder zum Brudermord! Oder hatte es je dahin kommen können, daß man, wie es jetzt geschieht, die Nation nach den Weltgegenden abtheilt und von Interessen der Nord- und Süd-, der Ost- und Westdeutschen Völker spricht, als von so viel feindlich gespaltenen? So weit ist’s aber schon, daß die ebenbürtigen Sohne einer und derselben Familie nur noch in der gemeinschaftlichen Schande und in dem Unglück Aller die gleichen Rechte wieder finden! Dahin ist’s gekommen, daß Nord und Süd von ihren besondern Nationalheiligen sprechen und jeder seinen separaten Herrgott oder seinen separaten Teufel verehren mag! Man schimpft sich und klagt sich an; man verdammt sich wechselseitig und fühlt nicht, wie man sich dadurch nur der gemeinschaftlichen Verdammung würdig macht. Aller Spuk der vergangenen Zeiten, alle Verbrechen, und alle Schande, welche die deutsche Geschichte besudeln, sind schon wieder da, oder im Anzug; und was wir Alten schon einmal erlebt haben, das werden wir wohl noch einmal erleben müssen, das Allerabscheulichste: ich meine, daß Deutsche Deutsche erwürgen und brandschatzen deutsche Städte und verheeren deutsche Länder, und daß man dann Siegesfeste feiert und die Glockenthürme ihr Evohe! rufen und deutsche Priester Dankgebete an deutschen Altären stammeln und deutsche Kirchen vom Lobgesang über den deutschen Brudermord erschallen! Dann wird Festtag seyn in der Hölle! Aber, deutsches Volk, wenn die Strafe deinem Verbrechen auf dem Fuße folgt und die Blitze des verhöhnten Weltenrichters dich in den Abgrund schmettern, dann solst du auch nicht klagen; denn „Du hast’s verdient.“
Aber ich wollte Euch ja von der Eisenbahnfahrt nach Erlangen erzählen und hatte es rein vergessen. – Nun denkt mich in Plauen im Bahnhofe, wartend auf die Abfahrt. – Horcht! Die Lokomotive keucht und in der nächsten halben Stunde überfliegt der Zug schon die sächsisch-bayerische Grenze, und wir sehen die Thürme von Hof. –
„Diese Landesgrenze hat eine doppelte Bedeutung,“ bemerkte ein Reisegefährte; „sie scheidet Nord- von Süddeutschland.“ Das eiserne Band klammert beide fest zusammen, erwiederte ich. Aber traurig ist’s, daß man in dieser nüchternen Zeit für die Nothwendigkeit der Einigkeit zwischen Nord und Süd kein stärkeres Argument anzuführen weiß, als das schmutzigste, – den Handelsvortheil. Immerhin sind die deutschen Eisenbahnen stehende Proteste gegen die deutsche Uneinigkeit, obschon sie gegen den Bund von Hochmuth, Ehrgeiz, Habgier, Haß und Neid
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1850, Seite 54. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_14._Band_1850.djvu/60&oldid=- (Version vom 21.6.2025)