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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band | |
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Tiefe. Von St. Cloud floh der Thronerbe aus Frankreich, Heinrich V., und ist seitdem der fahrende Ritter der Restauration. Die Republik öffnete Schloß, Park und Gärten dem Volke – und das Volk, einem Kinde gleich, lacht und scherzt jetzt da, wo die Pläne gemacht wurden, welche die Welt mit Blut und Thränen füllten.
Der Palast von St. Cloud steht am Seine-Ufer, zwei Stunden unterhalb Paris, malerisch auf einem Hügel, umgeben von den prächtigen Parkanlagen, welche die Gelände und Anhöhen über eine Stunde weit bedecken. Es war in alter Zeit ein Kloster, das der Enkel Clodowichs, Clodoald, gründete, der auch in demselben starb. Später wurde ein königliches Jagdhaus daraus und Ludwig XIV. baute das heutige Schloß. Es besteht aus einem Hauptgebäude und zwei Pavillons und imponirt weniger durch seine Größe, als durch die Harmonie der Verhältnisse und den Reichthum seines äußern Schmucks. Die innere Ausstattung trägt den großen Charakter Napoleons. Sie ist einfach und edel. Der Kaiser verschmähete es, den kleinlichen Flitter der Macht zur Schau zu tragen. Aber die herrlichsten Werke der Kunst, – Trophäen seiner Eroberungen und Siege, – machten St. Cloud zu einer Villa Hadriana. Zwar ist Manches verschwunden; aber zum Bewundern ist genug übrig geblieben. Die einstigen Wohnungen des Kaisers haben theilweise noch ihre ursprüngliche Einrichtung und Ausstattung. Die Lilien, welche die Adler während der Restauration verdrängt hatten, sind abgefallen; die Embleme der Macht und des Ruhms sind seit der Revolution überall an ihren Platz zurückgekehrt. Das Volk freut sich dieser Zeichen. Sie sind eine Hinterlassenschaft seines Ruhms; an ihnen spinnt der Volksgeist den Faden fort, der dem Gestorbenen entfallen ist, und es hofft von der Zukunft, daß sie vollende, was er begonnen.
Die Gärten des Palastes sind von Le Notre angelegt. Sie wurden stets auf das sorgfältigste erhalten. Bassins, Wasserkünste, Statuen von Marmor und Erz, hohe Taxuswände und Blumenparterres geben dasselbe Bild, welches ich unter der Ueberschrift „Versailles“ schon einmal ausführlich schilderte. Die Prachtpartie ist die Caskade, der Gegenstand des vortrefflich ausgeführten Stahlstichs. Die Wassermasse steigt in Absätzen aus einer Höhe von 108 Fuß in das große Bassin hinab, aus dessen Tiefe mächtige Wasserstrahlen 100 Fuß hoch in die Lüfte steigen. Das Ganze verhält sich freilich gegen die großen Werke der Natur, z. B. gegen den Rheinfall bei Schaffhausen, wie ein Feuerberg auf dem Theater gegen den speienden Aetna, – und die Löwen, Hyänen, Schlangen und Seeungeheuer, die sich einander die Wasser in’s Gesicht speien, mahnen an die Träume eines Wahnsinnigen. Nur im Frühjahr und Herbst haben die Werke volles Wasser; dann aber strömt die
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1850, Seite 73. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_14._Band_1850.djvu/79&oldid=- (Version vom 28.6.2025)