Seite:Meyers Universum 14. Band 1850.djvu/88
| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band | |
|
|
Alle Menschen, mit Ausnahme jener kleinen Faktionen, die sich vom Volke ausgeschieden haben, sind jetzt eines Sinns geworden und, sichtbar für Alle, die der Herr nicht geschlagen hat mit Blindheit, sichtbar für Alle, die Beobachtungsfähigkeit und Urtheil haben, schweben die durch den Zersetzungsprozeß der Gesellschaft verflüchtigten Geister umher und suchen gleichsam die Anfänge zu neuen Verbindungen! Gebt Acht, wenn sie im ersten Moment der Katastrophe sich niederlassen werden auf die Häupter dieser Zeit, wie sie reden werden mit feurigen Zungen! Gebt Acht, wie die Ideen der neuen Gesellschaft dann einziehen werden in alle Sinne und in alle Geister, gleich einem Contagium, unwiderstehlich und unvermeidlich, um die Menschen zum neu begonnenen Werke zu weihen! Die größte und gefährlichste aller Thorheiten in solcher Zeit ist, sich mit Illusionen zu tragen, sich was weiß zu machen, seine Wünsche zum Glauben zu potenziren und angesichts der heranziehenden Gefahr den Kopf in den Sand zu stecken wie der Strauß, um auszurufen: es ist keine Gefahr! Tausende, welche Pflicht und Beruf haben, die öffentliche Meinung darüber ins Klare zu setzen, werden jetzt, wo über der freien und furchtlosen Meinungsaußerung in diesen Dingen das Schwert der Gewalt schwebt, durch Furcht, Feigheit und Eigennutz bestimmt, ihre Ueberzeugung zurückzuhalten, oder sie zu fälschen; Viele, ja nur zu Viele, erröthen sogar nicht, das Gegentheil ihrer Ueberzeugung zu predigen, und diese Nichtswürdigen, welche an den heiligsten Pflichten zum Verbrecher werden, laden sich die schwere Schuld auf, Andere geflissentlich irre zu leiten, ihnen ein Vertrauen in den Bestand der Dinge einzuflößen, das sie selbst nicht hegen, und so ihre Nebenmenschen zu hindern, sich gegen die Gefahr zeitig zu rüsten. Sie bedenken nicht, daß sie dadurch vielleicht für Tausende Ursachen ihres Verderbens und Unglücks werden! Das ist nimmer ein rechter Weg! Gerade jetzt soll die Humanität ihre warnende Stimme, trotz der Gefahr, die daran haftet, unverdrossen fort und fort erheben, und sie soll namentlich den Leichtfertigen, welche ihre erwachenden Besorgnisse in Vergnügen und falschen Vorstellungen zu begraben suchen, das Mene Tekel an die Wand schreiben. Sie soll auch den Mächtigen zurufen ohne Unterlaß: „Es ist der Thorheiten unverzeihlichste, das große Schöpfungswerk dieser Zeit zu stören und sich zu unterfangen, mit ihren Ideen einen Streit auf Tod und Leben zu beginnen. In solchem Kampf hat noch Keiner gesiegt. Allezeit hat er die wilden, thierischen Kräfte den Ideen zur Seite gestellt und die Völker zu Gewaltthat und allgemeinem Umsturz hingedrängt, und stets hat er damit geendigt, das Schwertrecht gegen Die zu kehren, welche es zuerst angerufen. Alle Maßregeln zu gewaltsamer Aenderung der Gesetze, zur volksfeindlichen Interpretation des Rechts, zur Verletzung und Fälschung der Freiheit, zur Unterdrückung der Majoritäten, zur Mehrung der Heere als Werkzeuge solcher Unterdrückung, zur Steigerung der Abgaben, zur Minderung des Verkehrs u. zur Stockung des Erwerbs, auch jede Grausamkeit u. Verfolgung gegen Andersmeinende sind in einer solchen Zeit Sünden gegen den gesunden Menschenverstand; sie wirken aufreizend, nicht niederdrückend, auf das
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1850, Seite 82. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_14._Band_1850.djvu/88&oldid=- (Version vom 29.6.2025)