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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Fünfzehnter Band | |
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über 600 Völkerschaften, die mehr oder weniger im Urzustande leben, bar aller Kultur. Ihre charakteristischen Merkmale sind dieselben überall: eine unvollkommene auf das rohe Bedürfniß der Mittheilung beschränkte Sprache; wilde Leidenschaften, ungebändigt durch den sittlichen Willen; grobe Sinnlichkeit und deren Befriedigung als Lebenszweck; Gleichgültigkeit gegen das Leben Anderer wie bei dem reißenden Thiere; Ungeselligkeit; das Recht der stärkern Faust oder der größern Arglist als Fundament der Gewaltherrschaft; die Frau Sklavin; die Kinder der Väter leibeigenes Gut so lange, bis sich die Söhne durch gleiche Stärke des Arms, die Töchter durch den Anschluß an einen andern Mann, emancipiren. Von höherer Lebensdauer findet man keine Spur, nicht einmal von größerer physischen Kraft. Der Wilde unterliegt fast immer im Kontakt mit den civilisirten Menschen, der seine Körperkräfte viel größern Anstrengungen, viel ausdauernderer Uebung hingibt. Kurz alle die mythischen Vorstellungen von der ursprünglichen größern Herrlichkeit des Menschengeschlechts verrinnen vor dem Forscherauge wie Nebel und nicht ein Schatten bleibt zurück. Kultur und Erziehung allein entwickeln den Keim des Menschlichen im Menschen und es bedarf oft vieler Generationen, daß er sich entwickele. Ja, so tief liegt zuweilen der Keim verborgen, daß alle Versuche, ihn hervorzulocken durch die Sonnenstrahlen der Gesittung mißlingen. Wir kennen eine bedeutende Anzahl wilder Völkerschaften, die seit Jahrtausenden im Urzustande so unverändert in ihren Wäldern leben, als am ersten Tage ihres Daseyns, und die so wenig zu civilisiren sind, als der Wolf zu zähmen ist. Unzugänglich der menschlichen Cultur, verschwinden sie von dem Boden, auf dem sie mit der Civilisation zusammenstoßen, wie die Geschlechter der reißenden Thiere vor der rodenden Axt und vor der Pflugschaar aus dem Urwald verschwinden.
Diese Schilderung trifft vorzugsweise diejenigen wilden Völker und Stämme, welche die Jagd zum alleinigen Mittel machen, ihr Daseyn zu fristen. Im steten Sinnen und Trachten, durch Gewalt und List die wilden Thiere des Waldes und der Steppen zu meistern, muß der Mensch selbst fast zur Bestie verwildern. Die Jagd ist stets die unfruchtbarste Nutzung des Raums; eine von ihr ausschließlich lebende Indianerfamilie von 6 Personen bedarf nicht weniger denn eine geographische Quadratmeile zum Jagdgebiet in wildreichen Gegenden. Alle von jagenden Indianerstämmen bewohnten Länder haben folglich die dünnste Bevölkerung; an ihre Beschäftigung knüpfen sich Ungeselligkeit, feindliches Zusammentreffen in den gegenseitigen Jagdgründen, permanenter Krieg, erbliche Fehden, Blutrache und eine Grausamkeit gegen die Feinde, welche in dem Cannibalismus, der den Gefangenen lebendig bratet und verzehrt, ihren Gipfel findet.
Milder sind allemal die wilden Stämme, die sich von Fischfang und Pflanzenkost ernähren. Sie sind der Gesittung viel zugänglicher, als die Jägervölker, und ihre Nahrungsweise leitet sie schon zum Nachdenken und zu menschlichern Einrichtungen hin. Der Indianer, den die Erfahrung gelehrt hat, daß die schmackhaftesten Bewohner
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Fünfzehnter Band. Bibliographisches Institut, [Hildburghausen] [1852], Seite 148. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_15._Band_1852.djvu/156&oldid=- (Version vom 3.9.2025)