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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Fünfzehnter Band | |
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Perfidie das Große und Herrliche, weil es sich doch nicht wegleugnen läßt, in seinen Ursachen, Tendenzen und Erscheinungen herab, so finde ich es in der Ordnung; denn solche Wichte schreiben ja für ihrer Herren Brod; wenn dann und wann ein unglücklicher Phantast aus Amerika wiederkehrt und in bitterem Unmuth sein mitgebrachtes Bündel selbstverschuldeter Täuschungen auspackt, so versage ich ihm, wäre er auch ein Narr, meine Theilnahme nicht; widerlich sind mir nur jene von Zeit zu Zeit sich erneuenden Stimmen, welche als „langjährige Settlers“ firmiren und unter diesem Autoritätstitel die amerikanischen Verhältnisse so schildern, daß bei dem Vergleich derselben mit den europäischen diese eben so viel gewinnen, als jene verlieren. „Man muß den Herrgott mit dem tiefsten Schwarz anstreichen, damit der Teufel wenigstens dunkelbraun erscheine“ – meinte Luther, und von gewissen Leuten wird dies Färberkunststück noch alle Tage geübt. –
Auf der anderen Seite stehen die Yankeemanen, welche Menschen, Zustände und Dinge in Amerika bis in den siebenten Himmel erheben und in ihren Panegyriken eben so wenig vernünftiges Maß halten, als jene mit ihren Schmähungen und ihrem Spotte. Ihrer Meinung nach gibt es keine humanere Varur, als die des Amerikaners, keine zuverlässigern, dienstfertigern Menschen im Umgang und in Geschäften; keine frömmeren und gottesfürchtigeren Leute: vollkommen und des höchsten Lobes werth erscheint alles Amerikanische vor ihren Augen und ihrer Feder. Diese Darstellungen, seyen sie auch der wahre Ausdruck enthusiastischer Bewunderung – schaden der Sache dennoch, indem sie übertriebene Vorstellungen von der Glückseligkeit amerikanischer Zustände hervorrufen und in so Manchem den Drang zur Auswanderung werkthätig machen, der besser zu Hause geblieben wäre.
„Zwischen den Extremen liegt die Wahrheit“. Das Wahre ist auch in der Mitte dieser Widersprüche zu suchen. Vor Allem muß das Urtheil einen Standpunkt zu erringen trachten, auf dem es mit großem Blick die dortigen Verhältnisse frei überschauen kann, unbeirrt von den Beobachtungen, die in beschränkten Kreisen gemacht werden, auch von persönlicher Erfahrung, die so leicht zu Trugschlüssen über das Ganze verleitet. Je verurtheilsfreier die Betrachtung wird, je tiefer der forschende Gedanke in den Charakter und Sinn dieses großen Volks, dem die Zukunft recht eigentlich angehört, hinabsteigt, je mehr wird man sich vor einem oberflächlichen und absprechenden Urtheile hüten.
In Einem sind die Eindrücke der europäischen Einwanderer gleich und die Urtheile einmüthig: – im Staunen über das Kulturforschreiten des Landes, dessen Größe – ohne Phrase – an das Märchenhafte streift; über die Kühnheit des Unternehmungsgeistes und über die Thatkraft des Amerikaners in allen Dingen, welche auf das praktische Leben Bezug haben. Alle, die ein offnes Auge hinüberbringen, gestehen, daß Das, was sie darüber Rühmendes gelesen und gehört haben, weit hinter der Wirklichkeit blieb. Schon vor dem ersten Fußtritt
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Fünfzehnter Band. Bibliographisches Institut, [Hildburghausen] [1852], Seite 158. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_15._Band_1852.djvu/166&oldid=- (Version vom 5.9.2025)