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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Fünfzehnter Band | |
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ihren Gewohnheiten und gesellschaftlichen Formen nicht aus dem Kreise des Aberglaubens und der Narrheit herauskommen, in welche sie die Arglist der kirchlichen und politischen Hierarchie von Generation zu Generation geschlagen hat. Auf dem alten Kontinente ist dem spekulativen Gedanken die Praxis verpönt, der hellste Kopf, und vereinigte er das Genie des Thomas Paine mit der Klarheit Benjamin Franklins, – muß unter solchen Verhältnissen zum Ideologen herabsinken, den das Gesetz an den Galgen henkt, oder in’s Exil schickt, oder in’s Narrenhaus, sofern er nicht bei dem Reiben des äußeren und inneren Widerspruchs mürbe wird vor der Zeit. Was den Amerikanern abgeht an unsern Gütern, an dem, was uns die Verschrobenheit der Verhältnisse allein übrig gelassen hat, ich meine das stille heimliche Paradies des Gemüths, die Freude an der Kunst, die unbeschränkten Räume der Ideenwelt, – das schlagen wir von unserm Standpunkte aus sicherlich zu hoch an. Wir sollten diesen Mangel kaum beklagen; denn es ist nicht vernünftig, die Kennzeichen des Alters der Jugend zu wünschen. Wie die Wissenschaftlichkeit immer eine Blüthe des reifern Völkerlebens ist, so sind Ausbildung des Schönheitssinns und die höchste Entwickelung der Kunst und des Geschmacks immer nur Zierden, welche die reifern Jahre schmücken und den Abend der Nationen verschönern. Trüge das Yankeevolk alle diese Zeichen an sich, so hätte es den Höhepunkt seiner Blüthe bereits überschritten, es würde auf absteigender Bahn wandeln, es wurde außer Stand seyn, die große weltgeschichtliche Bestimmung, die ihm Gott gab, zu erfüllen. Daß es aber solche ganz erfülle: – das ist die Hoffnung und das Heil der Welt.
Es gibt freilich Leute genug, welche diese Meinung nicht theilen. Viele, ja die meisten Menschen, finden in der Weltgeschichte „nur die schmutzige Gosse unter ihren Füßen“ wieder, wo alltäglich gemarktet wird und sich die Gemeinheit tummelt. Im Volksleben sehen sie kaum Etwas mehr, als die Daten menschlicher Erbärmlichkeit und niedriger Motive: sie haben kein Auge für das Walten höherer, ungreifbarer Kräfte und für die Ideen, die in den Geistern Wolken sammeln und reiben bis zum Sprühen des elektrischen Schlags. Sie stellen in Abrede, daß diese Gegenfüßler Sibiriens auch nur das geringste Selbstbewußtseyn ihrer Bestimmung haben und wissen, zu welch geheimnisvollem Bau der alte, unsichtbare Meister die Fäden und Räder brauchen will, die am westlichen Rade der Zeitgeschichte schnurren. Sie leugnen a priori jede höhere Bedeutung der transatlantischen Erscheinungen. Liegt aber in dieser Fiebereile, womit man dort nicht bloß einen Welttheil durch Büchse, Pflug und Dampf zu erobern sucht, sondern „ländergierige Briareusarme“ auch anderwärts über den stillen Ocean hinausstreckt, ohne viel nach Völker- und Staatsrecht zu fragen: – liegt darin gar nichts als Beutelust? Oder nicht noch ein dunkler, unbewußter Drang, nicht noch ein geheimnißvoller Instinkt, welcher Nationen wie Individuen zu der Allmacht räthselhaften Zwecken beseelt? Oder ist in diesem ruhelosen Jagen nach Besitz in den Massen des jüngsten und kräftigsten aller Völker, wo man nicht nur irdische Schätze sammelt, sondern auch die besten Mannestugenden,
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Fünfzehnter Band. Bibliographisches Institut, [Hildburghausen] [1852], Seite 163. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_15._Band_1852.djvu/171&oldid=- (Version vom 6.9.2025)