Seite:Meyers Universum 15. Band 1852.djvu/177

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

Stelle der Moral getreten, und die Ueberlegenheit in der materiellen Stärke und in der Kunst, wort- und treulos Andere zu überlisten, gilt für das einzig achtbare Recht. An Priestern aber, die solches Recht als ein göttliches heilig sprechen, hat es nie gefehlt.

Um desto herrlicher treten aus solchen entarteten Zeiten – wo das Unrecht und die Schwertgewalt zu Throne sitzen, – die Heldengestalten hervor, welche für die Heiligthümer, die man rauben will, ihr Leben einsetzen und nichts darnach fragen, ob das Maß ihrer Stärke dem der Räuber gewachsen sey. Was kleine Völkerschaften, wenn sie der wahre Geist der Selbstaufopferung beseelt, gegen übermächtige Feinde auszurichten vermögen, davon hat uns die Geschichte Beispiele aus allen Zeitaltern aufbewahrt. Von den kleinen Republiken Griechenlands, welche die persischen Heere vernichteten, bis zu dem Häuflein, daß nun seit 20 Jahren seine Freiheit und Unabhängigkeit siegreich gegen die Armeen des Czars vertheidigt, – des Czars, den die großen Völker und Staaten des Westens jetzt wie die Kinder den Popanz fürchten, – erzählt sie eine Reihe Geschichten, die an den Bibelspruch erinnern: „vor dem Thurm des Glaubens sinken Roß und Reisige dahin“. – Es ist der Glaube: „daß Gott die Freien unüberwindlich mache“.

Hellas Ruhm selbst erbleicht vor dem der kleinen Hirtenvölker in der Schweiz, wenn wir die ausdauernden Kämpfe betrachten, durch die sie ihr Recht und ihre anspruchslose Unabhängigkeit gegen die brutale Gewalt der Mächtigen behaupteten. Keine Geschichte ist geeigneter, große, hochherzige Gefühle zu wecken. Darum ergreife ich immer mit neuer Lust die Gelegenheit, Heldenscenen des Schweizer Volkslebens zu schildern. Sie lehren fort und fort: – „der Tod für ewiges Recht ist Welterlösertod“.

Im Jahre 1311 ruhten die Waffen der Eidgenossen, welche ihr Freithum sieghaft vertheidigt hatten. Fröhlich klang flott des Schlachthorns wieder die Schalmei in den Thälern und die Heerden weideten ungestört auf den fetten Alpen. In dieser Friedenszeit geschah es, daß zwei Männer von Schwytz mit ihrem Hause wallfahrten gingen nach Einsiedeln zu der Mutter Gottes. Da sie nach vollendeter Andacht wieder heimkehren wollten, begegnete ihnen der Pfarrer mit vier Konventsherren. Der letztern einer vertrat ihnen den Weg und sagte: „Euch groben Schwytzern wird’s nun auch nicht mehr gelingen; denn der Kaiser hat Herren zu Richtern gesetzt, die unsere Sachen besser wahrnehmen werden“. Den Männern von Schwytz verdroß die Rede und sie antworteten ernst: „wir Schwytzer wollen keine ungerechten Sachen; ein Freiherr ist übrigens um kein Haar besser, als ein freier Mann“. – Darüber wurden die Konventsherren zornig, sie fielen über die Schwytzer her mit loser Rede, und da diese nichts schuldig blieben, so zogen sie ihre Jagdmesser und stießen die Beiden nieder. Es erhob sich darauf ein großer Zulauf des wallfahrtenden Volks; und als die Schwytzer Kunde von der That erhielten, versammelte der Landammann die Gemeinde, und diese ließ durch einen Läufer dem Abt von Einsiedeln sagen: „die Männer von Schwytz hielten