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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Fünfzehnter Band | |
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„das Gesetz steht über unserer Gefahr und über unserem Willen: – wollt Ihr streiten und sterben für unsere gemeinsame Mutter, so thut’s als gesondertes Fähnlein. In unsern Reihen dürft Ihr’s nicht!“ Und die fünfzig Männer folgten der Weisung in Demuth und stellten sich dahin, wo die Gefahr am größten war.
Die Morgenröthe des Fünfzehnten im Wintermonat Anno 1315 ging auf und die ersten Strahlen der Sonne vergoldeten die Helme und Kürasse der ritterlichen Schaaren Leopolds von Oesterreich, die gen Morgarten langsam heraufgeritten kamen, – ein langer, stattlicher, unabsehlicher Zug. Ihnen nach folgte ein Wald von Lanzen: Knechte und Fußvolk. Schweigend reiheten sich die Eidgenossen in die verabredete Schlachtordnung. Die Fünfzig hatten sich an der äußersten Enge des Wegs über einen Felsrand gestellt, und als die Spitze des Habsburger Zugs vorüber war, rollten sie plötzlich gelockerte Steinblöcke auf die Reiter hinab. – Dadurch gerieth der Zug in Unordnung und wurde getrennt. Der Angriff Oesterreichs wendete sich nun zunächst gegen die kühne Schaar. Während des Handgemenges aber ersahen die Eidgenossen ihren Vortheil und brachen mit vorgehaltenen Hellebarden und, ihre Streitäxte schwingend, in geschlossener Ordnung, im vollen Laufe vor und in die über den Doppelangriff stutzenden Reitermassen Oesterreichs. Bald waren beide tapfern Heere handgemein und nur noch ein Kämpfen und ein Würgen. „Hie Schwyz – hie Freiheit – hie Sieg!“ war das Losungswort der Eidgenossen, und wo es erschallte, da thürmten sich die Leichen auf unter den Streichen des Schwertes und der Axt, und wo ein Schweizer fiel, da sanken mit ihm viele Mannen Oesterreichs. Schon lagen die besten und tapfersten Führer von des Herzogs Heer auf der Wahlstatt; – der Graf Rudolf von Habsburg-Lauffenburg, der zweite im Kommando; drei Bonstetten, drei Hallwyl, drei Urikon, vier Grafen von Tokkenburg, zwei Geßler, die Landenberge und noch 200 andere von edlem Geblüt. Die vielen ledigen Rosse, welche scheu hin und her rannten, mehrten die Verwirrung; viele Ritter konnten die wüthenden Pferde nicht mehr meistern und sprengten den Abhang hinab in den See, der Mann und Thier verschlang. Die Eidgenossen gaben kein Quartier; „hie Freiheit! hie Sieg!“ brüllend, drangen sie unaufhaltsam in die Massen Oesterreichs die vergeblich auf’s Aeußerste widerstanden; nach anderthalb Stunden löste sich des Herzogs Heer in wilde Flucht auf. Tausend waren auf der Wahlstatt gefallen, Tausende wurden auf dem Rückzuge erschlagen – der Herzog selbst entkam mit knapper Noth. Der Verlust der Eidgenossen aber war, obschon viele Tapfere nicht wieder heimkehrten, kaum zu zählen gegen den großen Verlust Oesterreichs und die unermeßliche Beute und den Gewinn, welcher der schweizerischen Unabhängigkeit und Freiheit aus diesem denkwürdigen Siege geworden ist.
Und dieser Gewinn ist kein vorübergehender. Er knüpft sich nicht an Zeit und Raum. Er dauert fort, so lange solche Thaten im Gedächtnisse der Nachwelt leben, so lange sie ein Blatt in der Weltgeschichte haben. Ihre Stätten sind nicht nur dem Lande werth, dem die Helden angehören; sie sind der ganzen Menschheit heilig.
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Fünfzehnter Band. Bibliographisches Institut, [Hildburghausen] [1852], Seite 171. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_15._Band_1852.djvu/179&oldid=- (Version vom 6.9.2025)