Seite:Meyers Universum 15. Band 1852.djvu/196
| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Fünfzehnter Band | |
|
|
Betrüger können jene verfolgen. Immer werden jedoch nur wahrhaft große Seelen mit reinem Willen die Ziele, nach denen sie streben, vollkommen und dauernd erreichen; denn ihnen allein helfen die unsichtbaren Hände aus der Geisterwelt zu ihrem Bau. Der Schurke, welcher den Aberglauben, die Leichtgläubigkeit, die Lust am Wunderbaren und Unbegreiflichen, die Urtheilslosigkeit und Dummheit der Menge als Magneten gebraucht, seine Entwürfe durchzuführen, wird nie an’s Ende kommen. Wäre seine Kraft auch noch so groß – seinem Thun hängt doch der Keim des Verderbens an, und sein augenblickliches Glück ist nichts Besseres, als ein wilder Eingriff in das göttliche Räderwerk, das jede Mißachtung unerbittlich straft. Weise, tugendhaft und unschuldig muß der Mensch seyn, der mit dauerndem Erfolg an der ewigen Stadt Gottes bauen will; und dreimal wehe Dem, der sich als ein Werkführer ausgibt, und nur den Mörtel des Aberglaubens, den Sand der Lüge, und Todtenköpfe als Quadern herbeiträgt.
Am ersten Juni des Jahres 1830 versammelten sich etwa 30 Personen zu Lafayette in Nordamerika um einen Mann, Namens Joseph Smith, der sich ausgab als erfüllt von dem Geiste Gottes und als den obersten Propheten des Allmächtigen, um der Menschheit das Heil eines neuen Evangeliums zu verkündigen. Smith verteilte bei seinem Auftreten eine Broschüre, die er „das Buch Mormons“ nannte, und als den dritten Theil der Bibel, das neueste Testament, ausgab. Dreister noch als Mohammed, der seine Lehren im Koran seinen Anhängern auch als unmittelbare überirdische Eingebungen darstellte, versicherte Smith, daß sein Buch unmittelbaren unterirdischen Inspirationen des Weltgeistes entspringe. Er behauptete, Gott sey ihm einst im Schlafe erschienen und habe ihm befohlen, am Fuße eines gewissen Bergs im Staate New-York einen Schacht zu graben, und dort habe er das neue Evangelium aufgefunden, eingezeichnet mit Hieroglyphenschrift auf metallenen Platten. Er habe die Platten herausgenommen und nach Hause gebracht, wo er sie nächtlicher Weise mit Hülfe eines Instruments entzifferte, das, wie er sagte, den Platten beilag. Dies Instrument nannte Smith das „Urim und Thummin“. Er gab es für das nämliche aus, dessen sich die Propheten des alten Testaments bedient hätten, um die göttlichen Schriftzeichen in den Büchern der Zukunft zu lesen.
Die Zuhörer des Smith lachten über die närrischen Reden, steckten das Buch in die Tasche und gingen von dannen. Als aber am andern Mittag der Prophet zu einer neuen Versammlung einladen ließ – so wurde der Zulauf stärker, und besonders zahlreich war das weibliche Geschlecht dabei vertreten. Es hatten sich nämlich seltsame Geschichten über den Inhalt des Büchleins verbreitet, welches den Menschen das neue Heil verkündigen sollte. Es fand sich, daß die Glaubenslehren mit folgender Erzählung eingeleitet waren: Zur Zeit des Jakob ist ein jüdischer Patriarch,
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Fünfzehnter Band. Bibliographisches Institut, [Hildburghausen] [1852], Seite 188. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_15._Band_1852.djvu/196&oldid=- (Version vom 7.9.2025)