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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Fünfzehnter Band | |
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Die Organisation des Mormonismus ruht auf einer sinnreichen Verbindung theokratischer und socialistischer Formen. Die Hierarchie der Herrschaft ist streng gegliedert. Ihr Haupt, der Prophet, dessen Befehle und Anordnungen stets als unmittelbare Ausflüsse göttlicher Offenbarung und Weisheit ausgegeben werden, ist der Mittelpunkt aller Macht und Autorität; ihm zunächst steht der Rath der 12 Apostel; und die sämmtlichen Bekenner der Mormonenlehre nennen sich Heilige – ihre Kirche aber „die Kirche Christi der Heiligen des jüngsten Tages“. Mit stolzer Selbstüberhebung sehen sie auf alle Andersgläubigen und Andersdenkenden, wie die Israeliten des alten Bundes auf die übrigen Völker, als auf Heiden und Unwürdige, herab. Ihren thatsächlich vom Betrug und vom Aberglauben erzeugten und gebornen Glauben – halten sie für das einzige Heilmittel der sündigen, verderbten Welt, und wähnen, die Zeit sey nahe, wo sich die von dem Strafgerichte Gottes verfolgte Menschheit zu ihrer Rettung in seinen Schooß flüchten werde.
Die Gemeinde der Mormonen wuchs. In demselben Maße mehrten sich jedoch auch die Reibungen mit andern Kirchen und Sekten, und die schroffe Anmaßlichkeit der neuen Heiligen schürte den Haß. Ihr Bleiben in den östlichen Staaten wurde, nachdem an mehren Orten der Wortkampf sich in den der Fäuste verkehrt hatte, unhaltbar: und Smith, eben so energisch als klug, befahl den Auszug nach Westen. Die Mormonen verkauften Hab und Gut, sammelten sich im Ohiostaate um ihren Propheten und dieser, ein anderer Moses, führte sie auf damals noch ungebahnten Wegen in die Wildnisse von Missouri, um hier auf fruchtbaren Auen das neue Zion zu gründen. Doch der Strom der Ansiedelung Andersdenkender folgte ihrer Niederlassung auf dem Fuße, und bald wiederholte sich Das, was sie aus Ohio vertrieben hatte. Unter blutigen Raufereien räumten die Mormonen im Jahre 1833 ihr neues Zion und wanderten weiter westwärts, in eine abgelegenere Gegend von Illinois, in’s Mississippithal. Hier erstand ihr Jerusalem zum dritten Male. Sie nannten die neue Mormonenstadt Nauwoo. Smith hatte in der That für seine neue Niederlassung gut gewählt. Eine Halbinsel, von drei Seiten vom prächtigen Strome umflossen, steigt vom Ufer amphitheatralisch zur Höhe empor, von deren Gipfel der Blick eine prächtige Aussicht auf- und abwärts das Mississippithal genießt. Dreizehntausend Köpfe stark und im Besitz eines Kapitalvermögens von 12 Millionen Dollars, baute die Mormonengemeinde binnen 2 Jahren auf diesem Flecke eine Stadt von 2000 Wohnhäusern und brachte gleichzeitig 40,000 Acres Prairie unter des Pfluges Herrschaft. Auf dem Gipfel der Anhöhe über der Stadt aber errichtete er eine Acropolis des Glaubens, einen Tempel, prächtiger als irgend einer in der neuen Welt. Er rief die geschicktesten Werkleute und Künstler herbei, ihn zu verzieren. In 4 Jahren war ein Werk vollendet, das über eine Million Dollars kostete. Nauwoo wurde bald als das Wunder des Westens berühmt, nicht bloß um seiner äußeren Erscheinung willen, sondern noch viel mehr um des Lebens in seinem Innern: – denn das Auge, das
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Fünfzehnter Band. Bibliographisches Institut, [Hildburghausen] [1852], Seite 190. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_15._Band_1852.djvu/198&oldid=- (Version vom 7.9.2025)