Seite:Meyers Universum 15. Band 1852.djvu/203

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

Ich verlasse für diesmal den interessanten Gegenstand und kehre nach Nauwoo zurück.

Mit dem Abzug der Mormonen war aus Nauwoo das Leben verschwunden, welches die Stadt blühend, gewerbreich und berühmt gemacht hatte. Die übrige Bevölkerung sah ihre Hilfsquellen versiegen, und sie wanderte zum Theil ebenfalls aus. Noch einmal brach der unvernünftige Haß los, diesmal sich gegen leblose Dinge wendend – der herrliche Tempel der Mormonen wurde nebst ihren Versammlungshäusern ein Raub der Flammen und der Zerstörung. – Bis zum Jahre 1850 lag er in Trümmern; da fand sich ein Mann, der die Ruine kaufte, um das herrliche Gebäude wieder herzustellen. Der Franzose Cabet erwarb es für seine Niederlassung, durch welche er den praktischen Werth des Fourier’schen Sozialismus zu prüfen im Begriff steht. Diese neue Niederlassung hat ein noch schwaches Leben. Sie entbehrt jener kräftigen Keime, welche den Mormonismus so schnell wachsen machten. Der Fourierismus hat die Glaubens-Kerzen auf den Altären des Mormonentempels nicht wieder angezündet, – der weite Dom ist ohne Priester – keine Gemeinde horcht auf des Propheten Gebet, und betet mit Alles, was sie beten hört. Der Fourierismus ist, der Idee nach, unendlich reiner und größer als die Mormonenlehre; denn die ganze weite Welt ist seine Kirche, die ganze Menschheit seine Gemeinde, und sein Gott erscheint in ihrer Mitte: aber es ist Thorheit, an die Möglichkeit zu glauben, das Große und Göttliche, was in seinem Ideale lebt, auf dieser Erde schon jetzt unter diesem Geschlecht zur praktischen Verwirklichung zu bringen. Cabet wird in Nauwoo nichts bauen als Katakomben seiner Hoffnungen, und der Philanthropismus, – der ewig-blutende Gottessohn – wird nichts dadurch gewinnen, als die Erneuerung der schmerzensreichen Erfahrung, daß die Erde jetzt noch kein Boden sey, auf dem das Edelste, was er in seiner Brust und in seinem Streben trägt, vollkommen gedeihen könne.

Kann ja doch selbst Christi Reich auf Erden vor dieser Welt des Kirchenschmucks und des weißen Chorhemdes noch nicht entbehren; – das Christus-Reich, welches sich vor Gott in die Lilien der Unschuld, in's Grün der Hoffnung, in die Rosen der Liebe und der Freiheit kleidet! –