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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Fünfzehnter Band | |
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Dein Segen, so tief Dein Leid! Bald seh’ ich Dich wie ein Riese zürnen, bald wie ein Kind weinen, bald wie ein Knabe jauchzen, bald wie ein junger David der Harfe Saiten schlagen und höre Deine Psalmen und Helden- und Klagelieder. Soll ich von Dir wiedererzählen? Du blickst mich wehmüthig an; Du legst die Finger auf die Lippen und – zeigst nach Westen! Dort ziehen sie hin, Deine Söhne, die Kinder eines Paradieses, nach dem fernen, fernen Lande, wo keine Könige sind! – Es gibt Zeiten, da hört der Schmerz auf zu weinen, und sein Aufschrei schwindet zum leisen Seufzer, nur dem eigenen Ohre vernehmlich. Getrost! Auch Taubstumme haben ihre Glocken, und bevor ein Quell den frischen Labetrunk reichen kann, müssen ja allemal erst die Wasser des Himmels durch die dunklen Klüfte der Erde rinnen. Reifen nicht auf Gottesäckern die saftigsten Früchte? Gehen über Gräbern nicht die größten Gedanken auf? War nicht schon einmal eine Krippe die Wiege der Welterlösung? –
Die ganze Pfalz ist wie ein Guckkasten, in dem anmuthige Bilder in beständigem Wechsel an dem Auge vorüberziehen. Hier eins dieser Pfälzer Bilder! – Es ist die Ruine Alt-Boime- (Bäume-) Burg, prangend auf hoher Felswand, um welche der Alsenz forellenreiches Gewässer rauscht. Ein Kirchdörfchen, dem die Burg ihren Namen lieh, kauert der alten Herrin zu Füßen. Die ganze Landschaft umher ist ein romantisches Prachtstück. Ringsum thürmen sich hohe, bewaldete Bergkegel empor, durch Felsthäler und tiefe Gründe von einander geschieden; so der Rothenfels, der Landsberg, der Rheingrafenstein, die ihre steinernen Finger in die Wolken strecken, und Sickingen’s, des letzten Ritters, Veste, die Ebernburg, schließt im Hintergrunde das Thal der Alsenz zu. Der Perlen schönste ist aber doch die alte Boimeburg, das Stammhaus des berühmten Raugrafengeschlechts, welches, wurzelnd in der Merovinger Zeit, schon mit den Karolingern im Lande herrschte.
Seit zwei Jahrhunderten erst liegt die herrliche Burg in Trümmern, und was noch davon übrig, ist so mit dem Fels verwachsen, auf dem es steht, daß es noch manches Jahrhundert überdauern mag. Ursprünglich waren es drei aneinander gebaute Burgen für 3 Linien des Geschlechts. Eine tiefe Schlucht schied, (wie auf dem Stiche zu sehen ist) die beiden Ritterhäuser, welche ihre Fronten dem Alsenzthale zukehrten; das dritte stand rückwärts, auf der Südseite., Sie waren unter sich durch Zugbrücken verbunden. Den Bau schmückten neun hohe Thürme.
Das Geschlecht der Boimeburge, dem die salischen Kaiser die Raugrafenwürde verliehen, starb im 16. Jahrhundert im Pfälzer Stamme aus, und nach diesem Besitzwechsel kam die Burg mit vielem Grundbesitz an das Haus Isenburg. Verwüstet ward aber das Schloß schon früher durch die Franzosen (im Jahre 1689), welche die Pfalz wie Vandalen verheerten. Sie sprengten die Mauern, welche den Flammen widerstanden, mit Pulver.
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Fünfzehnter Band. Bibliographisches Institut, [Hildburghausen] [1852], Seite 202. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_15._Band_1852.djvu/210&oldid=- (Version vom 7.9.2025)