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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Fünfzehnter Band | |
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ihn züchtigt. Darum sind auch die Tarifsätze der vielen hundert Eisenbahnen, obschon nirgends eine obrigkeitliche Schranke für sie gezogen ist, durchschnittlich viel niedriger als auf den deutschen Bahnen, für welche die Regierungen die Fahrpreise bestimmt haben, und besonders sind sie für schwere, geringwerthige Rohprodukte unglaublich wohlfeil, so daß selbst eine Menge Bahnen die Konkurrenz der Wasserfrachten zu bestehen vermögen. Demungeachtet werfen über hundert amerikanische Bahnen sehr hohe Renten ab; viele geben 10 und mehr Procent Dividende. Im Eisenbahnbetriebe gilt häufig als Grundsatz: um doppelte Rente zu erlangen, muß man die Frachtsätze halbiren.
Die Fahrschnelligkeit auf den amerikanischen Bahnen ist im Allgemeinen geringer wie auf den europäischen und übersteigt fast nirgends 3 geographische Meilen auf die Stunde Fahrzeit. Die Einrichtungen der Wagen sind sehr zweckmäßig, und kürzlich auch auf den österreichischen und würtembergischen Bahnen adoptirt worden. Durch die Mitte der sehr langen Personenwagen läuft ein Gang und rechts und links desselben reihen sich zweisitzige gepolsterte Bänke, eine hinter die andere. Die Lehnen derselben lassen sich vor und rückwärts schlagen, so daß eine Gesellschaft von Vieren sich bequem zusammensetzen kann. Für den Winter kömmt ein Zugofen von Gußeisen, der mit Anthrazit geheizt wird, in jeden Wagen, und die ihm Zunächstsitzenden werden durch Schirme vor der lästigen Wärme geschützt. Einen Klassenunterschied der Wagen kennt man so wenig im freien Amerika, als einen Klassenunterschied der Menschen; der Präsident der Union sitzt in demselben Raume neben dem Taglöhner und verliert nicht ein Jota von seiner Würde durch seine Nachbarschaft. Die Funktion der Kondukteurs beschränkt sich in Amerika auf die Abnahme der Billets, und von einer Fürsorge für die Sicherheit der Passagiere, welche in Deutschland oft unbequem wird, ist so wenig eine Spur, als von der staatsretterischen Wachsamkeit der Polizei, die bekanntlich das Jahr 1848 doch nicht verhindert hat. Im Gegentheil ist eine Sorglosigkeit bemerklich, welche einem Deutschen, welcher daran gewöhnt ist, daß ihn das offizielle Gängelband bei jeder Bewegung vor dem Ausgleiten behüte, Einsetzen einflößen kann. Die Bahnen endigen mitten in den Großstädten; die belebtesten Straßen und Märkte werden von ihnen durchschnitten: und statt eine Hecke von Bahnwärtern aufzustellen, damit kein Unfall begegne, – genügen dem Yankee ein Dutzend Riesen-Plakate in farbiger Schrift mit mannslangen Ausrufungszeichen: „Look out for the Locomotive! Beware of the Locomotive!“ (Siehe Dich nach dem Dampfpferd um! Hüte dich vor der Lokomotive!). Von Zaun, Staket und Barriere ist nirgends etwas zu sehen; man kann 20 Meilen durch den Urwald fahren, ohne einen Bahnwärter zu treffen; statt seiner geht wohl das Wild auf der Bahn umher oder weiden die Kühe auf derselben, und damit diese Spaziergänger beseitigt werden, ohne Schaden zu nehmen, ist jede Lokomotive vorn mit einer riesigen Schaufel aus Bretern versehen, die das Thier säuberlich aufhebt und bei Seite schiebt. – Ich will nicht leugnen, daß die Sorglosigkeit der Amerikaner bei ihrem Eisenbahnbetrieb manchmal weiter geht, als Achtung für Menschenleben rechtfertigen kann; aber die häufigen
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Fünfzehnter Band. Bibliographisches Institut, [Hildburghausen] [1852], Seite 218. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_15._Band_1852.djvu/226&oldid=- (Version vom 8.9.2025)