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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Fünfzehnter Band | |
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Unglücksfälle sind doch nicht dieser allein anzurechnen; bei weitem die meisten sind in der Beschaffenheit des Terrains und in dem Umstande begründet, daß die Bahnen auf langen Strecken durch ganz wüste, noch im Urzustand befindliche Gegenden ziehen, durch Sumpf und Wildniß, in denen sie nicht beständig im Paradezustand erhalten werden können.
Neben den Nachtheilen, die an dieser Eigenthümlichkeit haften, bieten sie dem Reisenden eine Abwechselung von Genüssen dar, die er auf den europäischen Bahnen entbehrt. Bald führt ihn die Bahn durch die lieblichen Sitze der jungen Kultur, mitten durch kleine, freundliche, reinliche amerikanische Städtchen von Gestern, deren Straßen mit prächtigen Bäumen bepflanzt sind, und die ihren Wohlstand durch die Menge freundlicher Kirchen und hoher Glockenthürme zu erkennen geben, die zwischen und über den Bäumen hervorragen. Bald eilt er durch einzelne, oder Gruppen bildende Ansiedelungen, vielleicht das Embryo einer City; im weiten Umkreise ist der Wald gerodet und in Felder umgeschaffen, die mit haushohem Mais, oder 100fältig tragendem Weizen bedeckt sind und deren im Zickzack fortlaufende Umzäunungen die Oase der Kultur von der Wildniß scheiden. Bald folgt eine Strecke des wirklichen Urwalds, ein dichter Schluß von Bäumen und Gesträuchen jeden Alters, vom ehrwürdigen Stammvater bis zu den jungen Schößlingen, alle entsprossen dem Humus einer abgestorbenen Vegetation, der Asche früherer Geschlechter. Diese innige Verbindung des frischen Lebens in allen Abstufungen mit der Verwesung des Alten ist das eigentliche Merkmal des Urwalds. Dann und wann fällt der Blick auf eine kleine Lichtung mit einem einsamen Blockhaus, oder auf die malerische Scenerie einer Schneidemühle an einem Wassersturz, deren rohe, plumpe Konstruktion mit ihrer vortrefflichen Maschinerie einen wunderlichen Kontrast bildet. Zuweilen braust das Dampfroß auch an den wieder verlassenen Stellen einer kaum begonnenen Kultur vorüber. Ein elegischer Anblick ist eine so verunglückte Niederlassung! Das Dach des Blockhauses ist eingesunken, die Wände sind auseinander gerückt, die Stämme und Sparren liegen, überwuchert von Schlingpflanzen und in Moder begraben, umher: nur der steinerne Schlot steht noch aufrecht – ein Leichenstein an dem Grabe. Was ist aus den Ansiedlern geworden? Sind sie am Fieber gestorben, oder am vergifteten Pfeil des Rothhäuters, oder sind sie vor den Miasmen der Einöde geflohen? Kein’s weiß Antwort zu geben: kein Griffel zeichnet des Einzelnen Geschichte in der Einsamkeit des Urwalds auf. Clio registrirt nur die Lebensschicksale des Volks; Chronisten des Urwalds hat Amerika nicht.
Ein dem Eisenbahnreisenden auffallender, zwar unschöner, doch interessanter Zug amerikanischer Scenerie ist eine gewisse Eintönigkeit der Landschaft, allem Wechsel zum Trotz. – Sie wird durch die öftere Wiederkehr derselben Bilder hervorgebracht. Die Eisenbahnen suchen, so viel als möglich und, ihrer Natur nach, die geringsten Terrainverschiedenheiten auf und sind inständig bemüht, ihr Niveau zu behaupten; deshalb gelangt man so selten zu einem hinreichend hochgelegenen Punkt, der den Ausblick auf große Gebiete vergönnt.
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Fünfzehnter Band. Bibliographisches Institut, [Hildburghausen] [1852], Seite 219. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_15._Band_1852.djvu/227&oldid=- (Version vom 8.9.2025)