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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Fünfzehnter Band | |
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die das Geschlecht den Krebsgang führen; der Priester, der die religiösen Wahrheiten in Formen zu hüllen strebt, welche der fortgeschrittenen Intelligenz der Völker Hohn sprechen; der Schwärmer, der für Systeme eifert und Propaganda macht, welche auf unnatürlichen oder gebrechlichen Fundamenten ruhen; der Reformator von Staat und Gesellschaft, der politische und sociale Einrichtungen in geistige Klimate verpflanzen will, wo sie nicht gedeihen können, – alle diese müssen ihre von Ueberschätzung, Unvernunft, oder Irrthum begleiteten geistigen Bestrebungen unfruchtbar verkümmern und welken sehen. Diejenigen Unternehmungen im geistigen Gebiete aber, welche aus unreinen Leidenschaften hervorgehen, werden jedesmal unfehlbar gestürzt, ehe sie an’s Ziel gelangen; denn nichts bleibt erhalten und hat Antheil am Erbe der Ewigkeit, denn diejenigen Werke des Menschengeistes, die mit der göttlichen Natur desselben rein und vollkommen harmoniren.
„Auch der Umsturz der Reiche“ – bemerkt Volney – „wird nur durch den Zwiespalt der Pflichten und des Willens der Gewalthaber verschuldet. Wenn sie das Gesetz der Natur befolgen, wenn sie die Macht und das Wohlseyn der Staaten nicht auf Unwissenheit und Leidenschaften bauen, sondern auf Bildung und Freiheit gründen, so ist ihr Bestehen in Harmonie mit den Gesetzen Gottes und sie haben nichts zu fürchten“. – Dies ist der einzige sichere Weg. Auch Verfassungen und Bekenntnisse sind Formen, welche so wenig Anspruch auf Unveränderlichkeit haben, als Parlamentshäuser und Kirchthürme. Aber dahin könnten und sollten wir es bringen, daß, wenn das Alte untauglich und unpassend wird für die Bedürfnisse einer in Erkenntniß fortgeschrittenen Gesellschaft, dasselbe beseitigt werde ohne Revolution und Verwüstung, – und eine Bildungsstufe über die andere sich friedlich erhebe.
Es käme nur darauf an, daß man die Merkmale des Fortschritts, die neue Zeit mit den neuen Bedürfnissen, zeitig erkennte, und daß man den redlichen Willen hätte, ihnen gebührend Rechnung zu tragen. Einst predigte Schleiermacher: – „Wenn lang genährte Vorurtheile vor dem Lichte der Vernunft verschwinden: – so werden die Blinden sehend. Wenn gelähmte Volkskräfte sich neu beleben: – so werden die Lahmen gehend. Wenn das sittliche Verderben tief und reuig empfunden wird: – so werden die Aussätzigen rein. Wenn tausendmal verkündigte, aber immer überhörte Wahrheiten und Mahnungen endlich Eingang finden: – so werden die Tauben hörend. Wenn das Veraltete, Abgestorbene, Unbrauchbargewordene einem neuen frischen Leben Platz macht: – so stehen die Todten auf. Wenn die ewigen Menschenrechte an jedem Menschen, auch an dem Aermsten, erkannt und geehrt werden, und so eine Kraft von Unten nach Oben die Völker begeisternd durchdringt: – so wird den Armen das Evangelium gepredigt“. –
Doch die Blinden sehen nicht, die Lahmen gehen nicht, die Aussätzigen werden nicht rein, die Tauben hören nicht, dem Armen wird das Evangelium nicht gepredigt. Eins aber ist gewiß: – unsere Todten werden auferstehen! –
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Fünfzehnter Band. Bibliographisches Institut, [Hildburghausen] [1852], Seite 232. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_15._Band_1852.djvu/240&oldid=- (Version vom 11.9.2025)