Seite:Meyers Universum 15. Band 1852.djvu/259

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
DCCIII. Weimar.




Vor dem geistigen Auge ruht Weimars Größe in der Vergangenheit; dem leiblichen aber erscheint das heutige Weimar schöner als jenes, in dem die großen Menschen lebten und strebten. Die Fackeln sind ausgegangen; aber die Summe des Lichts, – brennen auch meist nur Pfennigkerzen – ist doch sehr groß, und es ist thöricht, zu sagen, daß der Ruf weimarischer Intelligenz an altbackenen Brodrinden nage. Man vergißt, daß Göthe, Schiller, Herder und Wieland, die Großschatzmeister der Kultur und Humanität, die Schätze nicht verschlossen gehalten haben, sondern sie verausgabten, und was einst bei Wenigen aufgehäuft lag, seitdem Vielen zu Theil geworden ist. Weimar hat sich in geistiger Beziehung seit seiner großen Zeit keineswegs zu seinem Nachtheil geändert. Die Stadt ist nicht nur wohlhabender, das Leben in derselben ist auch im Allgemeinen gebildeter, sittlilicher, genußreicher geworden.

Daß Weimars äußere Verhältnisse, mit denen in seiner großen Vergangenheit verglichen, in der Gegenwart gewonnen haben, darüber herrscht nur eine Stimme. Das in Schillers Tagen noch so unbedeutende Städtchen von 5000 Einwohnern, das einem großen Dorfe ähnlicher sah, als der Residenz eines angesehenen deutschen Fürsten, ist zu einer anmuthigen Mittelstadt von 12,000 Einwohnern herangewachsen, und die sich beständig erhebenden neuen Wohngebäude und Anlagen beweisen, daß das Gedeihen des Orts noch im Zunehmen ist. Die Eisenstraße hat Weimar mit der Welt verbunden, manche früher unbekannte Quelle des Wohlstandes aufgethan, ältere erweitert