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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Fünfzehnter Band | |
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Von Komfort und Pracht nach modernem Begriff ist keine Spur; schön aber sind die Ausblicke in’s Freie und sie lassen das Weimarische Land mit seinen Fruchtfeldern und Wiesengründen, Obsthainen und Wäldern, Kirchthürmen und Schlössern, Dörfern und Weilern, Bergen und Höhen wie einen Park erscheinen.
Wir verlassen Weimars Umgebung zu einem Gange in die Stadt. –
Siehst Du das kleine Eckhaus dort, an der Esplanade, mit der Steinplatte über der Pforte, auf welcher mit schwarzer Farbe Schriftzüge gemalt sind? Tritt näher und lies:
Bescheiden möchte sich das Haus unter den weit größeren und stattlicheren Nebengebäuden verbergen mit seinem kaum zimmergroßen Gärtchen; an jenen größeren aber weilt kein Blick, während an diesem kleinen kein gebildeter Mensch, ohne tiefe Erregung und ohne Ehrfurcht und Dankbarkeit zu empfinden, vorübergeht. Wie wenige Menschen haben, wie Schiller, so segensreich anf ihre Zeit und ihr Volk gewirkt! – Schiller kaufte das Haus um „den sehr theuern Preis von 2400 Thlr.“, wie er seufzend seinem Freunde Körner schrieb. An demselben Tage starb seine Mutter; an demselben Tage, drei Jahre später, reichte er Göthen zum letzten Male die Hand. Es war am 29. April 1805 und am 12. Mai früh vor Tagesgrauen trugen sie ihn hinaus im „Dreithaler-Sarge!“ Kein feierlicher Zug geleitete zum Friedhofe. Der Himmel war bewölkt, die Luft unfreundlich, die Nacht dunkel, die Straßen still und menschenleer. Zwei Groschenfackeln spendeten flackernd ihr spärlich Licht. An der Gruft harrten zwei Menschen – der Todtengräber und sein Gehülfe, mit ihren Stricken, um, ohne Sang und Klang, bei dem trüben Scheine einer zerbrochenen Laterne den Sarg in das feuchte, alte „Cassengewölbe“ zu vielen andern hinabzulassen, in denen die Gebeine vergessener, unbedeutender Menschen moderten. Am nächsten Sonnabend aber verkündigte das Weimarische Wochenblatt der Einwohnerschaft in einer schwarzgerandeten Anzeige: der sachsen-meiningensche Hofrath v. Schiller sey gestorben und „standesgemäß“ begraben worden! –
Schillers Haus ist jetzt Eigenthum der Stadt. Sie kaufte es und sucht es zu erhalten. Es ist ein wohnliches, einfaches Bürgerhaus von zwei Etagen mit einem Erker, hinlänglich groß für eine Familie. Unten, zur Rechten des Eingangs, wohnt der Kustode; die Stube links hat derselbe zu einem Laden hergerichtet und mit allerhand Schillerangedenken: Statuetten, Büsten von Zink, Gyps und Terracotta, mit Portraits und Ansichten von Schillers Haus und Garten, mit Facsimile’s von Schillerschen Handschriften, mit Schilleralbums u. s. w. zum Verkauf versehen. Das mittlere Stock, wo Schillers Familie wohnte, hat der wohllöbliche Magistrat – vermiethet;
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Fünfzehnter Band. Bibliographisches Institut, [Hildburghausen] [1852], Seite 255. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_15._Band_1852.djvu/263&oldid=- (Version vom 13.9.2025)