Seite:Meyers Universum 15. Band 1852.djvu/265
| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Fünfzehnter Band | |
|
|
„Licht, Liebe, Leben!“ – so lautet die Inschrift auf dem bescheidenen Stein in der Stadtkirche, unter dem Herders Asche ruht. Vor der Kirche steht sein Standbild, das einzige Weimars, der Stadt, welche das deutsche Volk einst noch mit Denkmälern schmücken wird, wie die Griechen ihr Athen. Die Statue ist von Schaller in München eben so vortrefflich gedacht als ausgeführt. So mag sie ausgesehen haben, die edle, ehrwürdige Gestalt des großen Herder, der für sein Volk, für die Menschheit, für die Humanität beständig gestrebt hat. Ein noch schöneres und dauernderes Denkmal aber hat ihm Göthe aufgerichtet in jenen ewigen Strophen:
„Ein edler Mann, begierig zu ergründen
Wie überall des Menschen Sinn ersprießt,
Horcht in die Welt, so Ton und Wort zu finden,
Der tausendquellig durch die Länder fließt.
Die ältesten, die neusten Regionen
Durchwandelt er und lauscht in allen Zonen!
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
Wo sich’s versteckte, wußt’ Er’s aufzufinden,
Ernsthaft verhüllt, verkleidet leicht als Spiel;
Im höchsten Sinn die Zukunft zu begründen:
Humanität sey unser ewig Ziel!“
Inmitten des ältesten Stadttheils liegt die Jakobskirche, von einem viereckigen Platz umgeben, dem ältesten Friedhofe der Stadt. Da schlummern die Generationen von neun Jahrhunderten, und in jede Handvoll Erde ist der Staub unbekannter und berühmter Menschen gemengt. – Da siehst Du in Stein gehauen an der Kirchenmauer, sein Käppchen in der Hand, den alten ehrenfesten Meister Lukas Kranach „den Ersten“, wie ihn die Inschrift nennt, zum Unterschied von seinem des Malens gleichfalls kundigen Sohne. Er war Luthers Freund und treuer Mitstreiter im Kampfe für christliche Wahrheit. Sein Schwert war nicht das Wort; seine Waffen waren Griffel, Pinsel und Schneidemesserchen; Kranach war der Maler und Holzschneider der Reformation. – Nicht weit von ihm steht der Denkstein des allbekannten und allverehrten Musäus. Wer hätte seine deutschen Volksmährchen nicht gelesen und wiedergelesen und wem hätten sie nicht die jugendliche Seele erfreut und erfrischt? Nicht weit von Musäus schläft Herders geistreiche Gattin, und viele Namen auf anderen Grabsteinen, z. B. Kraus, Bode, Gore und Mounier erinnern an Persönlichkeiten aus Weimars glänzendster Zeit. Aber was ist der Ruhm aller dieser Todten zusammen gegen den Einen – was will das Interesse für alle diese Grüfte heißen bei dem Anblick jenes von rankenden, schlingenden Kräutern überwucherten verfallenen
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Fünfzehnter Band. Bibliographisches Institut, [Hildburghausen] [1852], Seite 257. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_15._Band_1852.djvu/265&oldid=- (Version vom 13.9.2025)