Seite:Meyers Universum 15. Band 1852.djvu/271
| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Fünfzehnter Band | |
|
|
Schon die vorchristliche Zeit war erfüllt von den Sagen einer neuen Welt jenseits des atlantischen Oceans. Virgil spricht von einem transatlantischen Kontinente, der außerhalb des bekannten Theils der Erde liege; Tibull erwähnt einer oceanischen Welt, als der andern Hälfte der Erdkugel, und Ammianus Marcellinus weiß von einer Insel zu erzählen, die jenseits des Oceans zu suchen und von größerm Umfange als Europa sey. Mit dem Verfall des Römerreichs gingen diese Sagen verloren und in den nachfolgenden Jahrhunderten barbarischer Finsterniß geschieht ihrer nirgends Erwähnung. Erst zu Anfang des Mittelalters, als sich normännische Schiffer in die nordwestlichen Meere wagten, die Faröer Inseln entdeckten und Island kolonisirten, tauchen die Erzählungen von weiten westlichen Landstrecken von Neuem auf. Island, durch Auswanderungen aus Norwegen rasch bevölkert, blühte in sehr kurzer Zeit auf, und die Flotten seiner kühnen Fischer verfolgten schon im zehnten Jahrhundert die Ungeheuer der arktischen Gewässer bis an Spitzbergens eisige Küste. Ein verwegener Seefahrer, Erik Raude, der Todtschlags wegen für drei Jahre aus Island verbannt war, segelte im Jahre 981 mit andern Genossen zu einem Entdeckungszuge nach den westlichen Meeren aus und erblickte im Herbste eine mit hohen Bergen umgürtete Küste, an welcher er eine Strecke hinfuhr, bis er am Eingange einer Bucht, welche er Erikssund benannte, zu einer Insel gelangte, auf der er überwinterte. Im nächsten Frühjahr lichtete er die Anker, um das entdeckte Land weiter zu erforschen. Er segelte der Küste entlang mehre Breitengrade südwärts, stieg an verschiedenen Orten an’s Land und machte mit seinen Genossen Jagdexkursionen in’s Innere. Er traf Heerden von Rennthieren und Moschusochsen auf fetten Weidegründen und die Berge waren mit Birken und
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Fünfzehnter Band. Bibliographisches Institut, [Hildburghausen] [1852], Seite 263. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_15._Band_1852.djvu/271&oldid=- (Version vom 13.9.2025)