Seite:Meyers Universum 15. Band 1852.djvu/272

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

Zwergkiefern bewachsen. Das entdeckte Land nannte er, seines lachenden Ansehens halber, das grüne Land (Grönland). Er brachte fast drei Jahre auf demselben zu, bis die Zeit seiner Verbannung vorüber war. Dann kehrte er nach Island zurück und berichtete von seinen Entdeckungen. Es fand sich hierauf eine Genossenschaft zusammen, welche ein kleines Geschwader ausrüstete, um Grönland in Besitz zu nehmen und Niederlassungen zu gründen. Erik Raude ward Befehlshaber der Expedition und er segelte im Sommer 985 mit 25 Schiffen ab. Doch nach wenigen Tagen schon überfielen ihn schreckliche Stürme. Eilf Schiffe verschlang das Meer und nur 14 erreichten nach sechswöchentlicher Fahrt die östliche Küste Grönlands. Die Abenteurer gründeten eine Stadt und gelangten durch den außerordentlich reichen Fischfang bald zu Wohlstand. Es folgten neue Auswandererzüge von Island, zu denen sich später auch Kolonisten aus den Faröer Inseln und von Norwegen gesellten, so daß schon im eilften Jahrhundert an der grönländischen Ostküste über achtzig verschiedene Ortschaften blühten, und mehre christliche Kirchen und Schulen die Keime der Civilisation unter die wilden Völker im Norden der neuen Welt verbreiteten.

Die klimatischen Veränderungen, welche aus noch unerforschten Ursachen in den arktischen Regionen des Nordens innerhalb der letzten 1000 Jahre Statt gefunden haben, – die Erkältung der durchschnittlichen Jahrestemperatur um mehre Grade und das Vordringen der arktischen Eismassen in südlichere Breiten, haben die Küsten von Spitzbergen und die Hälfte von Island unbewohnbar gemacht, und auch die blühenden Kolonien Ostgrönlands mußten allmählig verlassen werden. Seit länger als drei Jahrhunderten sind sie verschwunden und die mit Eisbergen umgebene Ostküste ist ganz unzugänglich geworden. Die alten Kolonisten verließen das Land oder suchten auf der milderen Westküste neue Niederlassungen zu gründen, die jedoch auch nur ein dürftiges Fortkommen erzielten. Der norwegischen Herrschaft im Jahre 1261 unterworfen, entrichteten sie ihre Steuern in Seehundsfellen, Thran, Butter und Käse; letztere mußten ihnen jedoch schon im 14. Jahrhunderte erlassen werden, da die Heerden sich von Jahr zu Jahr minderten. Immer kälter wurde die grönländische Erde, nicht kälter aber der Bekehrungseifer ihrer Bischöfe und Priester. Schon im Jahre 1121 zog Bischof Arnold selbst an der Spitze einer Apostelschaar zu den Grönländern von Stamm zu Stamm, bis in ihre letzten nördlichsten Wohnplätze, verkündigte ihnen das Evangelium und schiffte sich im nächsten Jahre nach dem südlicher gelegenen Winlande, der Küste von Labrador und Neufundland ein, wo er Indianer bekehrte und das Kreuz aufrichtete. Im Jahre 1408 wurde Andreas als letzter Bischof von Grönland vom Papste ernannt; was aus ihm und seiner Heerde geworden ist, darüber schweigen alle Nachrichten. Seit jener Zeit ist Grönland für eine Periode von fast drei Jahrhunderten aus der Geschichte verschwunden. Die zunehmende Rauhheit des Klima’s hatte die Kolonisten schon im vierzehnten Jahrhundert aus allen nördlichern Niederlassungen vertrieben und eine