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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Fünfzehnter Band | |
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Nebensonnen, glänzende Mondregenbogen und andere Meteore sind in Grönland äußerst häufig und erregen Staunen oder Bewunderung. Auch hier ist die Natur vielgestaltig und trotz der scheinbaren Armuth ist sie doch in der That herrlich und reich. Ueberall prägt sich das Bild der versöhnenden Einheit aus. Nur dem Wilden ist dieser rauhe Norden mit seinen gewaltigen und fremdartigen Erscheinungen furchtbar; denn er sieht in ihnen ein grauenhaftes Gewirre zerstörender Kräfte und hassender Gewalten und schreckt vor ihnen zurück, wie vor einer Maschine, in deren unbegreiflichen Kraftäußerung er ein beseeltes Wesen argwöhnt. Der Gebildete aber, welcher aus allen Formen der Natur auf ein innewohnendes Leben schließt, das sich vom ewigen Urquell ableitet, wird auch in Grönlands Eisbergen und Gletschern den Gott der Liebe wiederfinden, und sich einen Wirkungskreis zu verschaffen wissen, der mit innerer Zufriedenheit und seligem Selbstbewußtseyn lohnt.
Das Bild eines solchen, – des stillen Friedens und des frommen Wirkens – zeigt die Darstellung, welches diesen Aufsatz veranlaßt. Es ist die Herrnhuterkolonie und Missionsanstalt Lichtenfels (Lichtenau) bei Julianenhaab im südlichen Grönland. Sie liegt in einem von Eisbergen umgebenen Thale und besteht aus einem Kirchlein, um welches sich die Schul- und Wohngebäude der Brüder mit den Zelten der Eingeborenen reihen, welche herkommen, die Lehre Dessen zu vernehmen, der alle Menschen gleich und glücklich machen will durch Bruderliebe. Was für Kontraste des Leblosen und Lebendigen, der Zerstörung und des Gedeihens, der Armuth und der Zufriedenheit, des äußern Kampfes und des innern Friedens drängen sich bei der Betrachtung dieses Bildes der Seele auf! – Schaut hin und schaut her! Dort die kleine Hütte des Herrn; – da die Fürstenschlösser und Mausoleen, die Zellengefängnisse und Kasematten, wo der „zu lebenslänglichem Kerker in Eisen“ begnadigte Unglückliche alle Tage den menschlichen Gedanken verflucht, der ihn dem Henker entzog, und mit tausend freiwilligen Qualen die Wohlthat eines schnell endenden Schwertschlags erkaufen möchte! Dort Hütten der Demuth; – da die stolzen Tempel der Intoleranz und die Paläste der Ungerechtigkeit mit ihren Priestern und Richtern, Akten und Meßbüchern, Gerichtssiegeln und Hostien: dort stilles Leben in brüderlicher Eintracht; – da die Schlachtfelder, auf denen sich die Völker mordeten und würgten um eines Wahnes willen, oder als Opfer des Ehrgeizes ihrer Herrscher. –
„Sie sammeln Seelen ihrem Gotte“, ruft der herzlose Spötter und grimmiger Sektenhaß hebt den Stein wider sie auf. Aber er würde die Hand verletzen, die ihn schleuderte. – Spricht nicht der Herr: „An den Früchten sollt ihr sie erkennen?“ – Des frommen, feurigen Zinsendorfs christliches Werk hat die harte Prüfung eines ganzen Jahrhunderts wohl bestanden. Die Zeit hat es geläutert; es ist befreit von seinen Schlacken. Auch die Zukunft wird noch Manches daran ändern, Manches klarer machen, Manches hinweg thun. Sie, die Richterin der gegenwärtigen Dinge, läßt unvermerkt fallen, was sich nicht halten läßt; jedoch das Beste, – die Frucht – wird sie bewahren und sie ausstreuen als neue Aussaat. Auch der Gesichtskreis des
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Fünfzehnter Band. Bibliographisches Institut, [Hildburghausen] [1852], Seite 267. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_15._Band_1852.djvu/275&oldid=- (Version vom 13.9.2025)