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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Fünfzehnter Band | |
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Noch ein Blatt aus dem Buche meiner Jugenderinnerungen. Wie ich, mit dem Ränzchen auf dem Rücken, von Weimar herüberkommend, das heitere Jena zum ersten Male sah vor fast fünfzig Jahren, so liegt es heute noch da, gebettet in dem warmen Saalthale, mit seinen schöngeformten Berghöhen, Wäldern und Gründen. Die Gespielen aber, die dort Hand in Hand mit mir gingen, die mit mir gejubelt haben an jeder Stelle, welche eine weite Aussicht gab, und auf der Mauerzinne der Lobdenburg neben mir gestanden, sie sind von den Wogen des Lebens in die Ferne getragen, oder mir fremd geworden, oder sie ruhen unter ihren Rasenhügeln aus von einer längern Wanderung. Leid und Freud hat Keiner mit mir getheilt; die Hände, die noch so warm in den meinen liegen, die Augen, in welchen ich jeden Kummer und jede Freude wieder sehe, wie in einem Spiegel, die Herzen, die mit so treuer Liebe für mich schlagen, diese mir noch erhaltenen Blüthen des Lebens, welche die Trümmer meines Glücks und meines Wirkens und Schaffens umwinden, wie der Epheu zerbrochenes Gemäuer, sind spätere Geschenke Gottes.
Was die Schülerschaaren in jenen Jahren nach Weimar und Jena führte, ist längst kein Ziel mehr für unsere reisesüchtige Jugend. Die großen Männer sind im Sarge, kein Stern ersten Ranges glänzt mehr in jenen Städten. In welcher Glorie strahlten sie damals und welche hehren und heiligen Vorstellungen knüpften sich an die Orte, wo Schiller, Göthe, Wieland und Herder noch leibhaftig wandelten und als Apostel des Menschenthums lehrten! Noch erinnere ich mich der Schauer der Ehrfurcht, die meine junge Seele überrieselten, als ich den Einen oder den Andern zum ersten Male sah, und wie flog mein Blick mit begeisterter Hast hinan an das Erkerfenster „der Tanne“, als einst ein Vorübergehender uns umhergaffenden Knaben zurief: „Seht doch dort hinauf, dort steht ja der Göthe!“ – Sie sind alle fort die großen Menschen, und wenn ich jetzt nach Weimar oder Jena käme, so würde es mir seyn, als wandelte ich auf den Trümmern umgestürzter Hochaltäre und müßte ich auf bemoosten Grabsteinen verloschene Schriftzüge suchen.
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Fünfzehnter Band. Bibliographisches Institut, [Hildburghausen] [1852], Seite 271. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_15._Band_1852.djvu/279&oldid=- (Version vom 14.9.2025)