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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Fünfzehnter Band | |
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allein dazu berechtigt. Dort leiht die Regierung ihre Beamten den Gemeinden; hier leiht die Gemeinde ihre Würdenträger der Regierung. Sie duldet keinen Eingriff in das Gemeindeleben von außen; sie verwaltet sich selbst, auch in ihren Beziehungen zum Staate.
Dieses freie Gemeindeleben, das eifersüchtig seine Selbstständigkeit wahrt, das mit Argusaugen jeden Versuch des Staats, die Schranken seiner Macht zu erweitern, erspäht und mit Selbstbewußtseyn zurückweist – ist die Mutter jenes Gemeingeistes, der in Amerika so Vieles schafft, was wir bewundern, aber nachzuahmen zu schwach sind. Jede Gemeinde ist eine kleine Republik und jeder Staat ist nur eine Föderation solcher Republiken. Jede Gemeinde ist unabhängig in ihrem Kreise und machtvollkommen. Alle ihre Bewegungen sind frei. Wo aber Macht, Freiheit und Unabhängigkeit sich vereinigen, da hängt der Mensch mit Liebe an den gesellschaftlichen Einrichtungen und die Liebe allein ist’s, die willig Opfer bringt. Jeder Gemeindeangehörige fühlt sich geehrt, wenn ihn die Wahl und das Vertrauen seiner Mitbürger zu einem unbezahlten Gemeindeamte ruft. Für die Gemeinde zu wirken, hält er seines Ehrgeizes allezeit werth.
Wie ganz anders ist dies im monarchischen Europa, wo man ein freies Gemeindeleben niemals aufkommen läßt, wo das Princip der Centralisation aller Macht und Regierungsgewalt beständig darauf hinwirkt, die immer neu aufsprießenden Keime der Freiheit und der Selbstständigkeit in der Gemeinde zu zertreten und zu zerstören und das Gemeindeleben beständig am Gängelbande der Herrschaft zu halten. Ist es unter solchem Verhältniß nicht seltsam, Klagen der Regierungsorgane über Mangel an Gemeingeist zu vernehmen? – Die Klagen beweisen, daß die Regierungen wissen, welch ein großes Element der Ordnung der Gemeingeist ist: aber sie wagen es nicht, ihn zu erzeugen. Sie fürchten, wenn sie die Gemeinde stark und selbstständig machen, die Staatsgewalt zu theilen und den Staat der Anarchie auszusetzen. Sie möchten die Wirkung wohl, aber sie scheuen die Ursache. Und doch sind beide nicht zu trennen. Eine Gemeinde ohne Macht und Kraft, ohne Freiheit und Unabhängigkeit, wird allezeit nur Verwaltete erzeugen, niemals Bürger.
Geht, – möchte ich Allen zurufen, die eine Stimme haben im Regieren und Organisiren der Staaten – geht hinüber in die jungen Republiken Nordamerika’s und beobachtet dieses rührige und glückliche Gemeindeleben, das den Staatsregierungen ihre Arbeit so leicht und gedeihlich macht. Die kleinste Gemeinde in Amerika ist wie ein Bienenschwarm, so thätig und voll Ordnung. – Jeder Tag bringt dem Gemeindeangehörigen die Erfüllung einer Pflicht oder die Ausübung eines Rechts. Dieses regsame, politische Leben des Gemeindebürgers gibt der Gesellschaft eine beständige Bewegung: aber sie ist eine friedliche, eine Bewegung der Ordnung. Sie belebt, ohne zu verwirren; sie macht frei und schafft den Allgemeinsinn für Gesetzlichkeit. Sie zerstört nicht; sie erhält und baut auf. Zufriedenheit Aller ist ihr Ziel, und im Gemeindeglück findet das Glück jedes Einzelnen eine Stütze. Bei dem
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Fünfzehnter Band. Bibliographisches Institut, [Hildburghausen] [1852], Seite 287. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_15._Band_1852.djvu/295&oldid=- (Version vom 14.9.2025)