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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Fünfzehnter Band | |
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Entwürfe, Systeme hervor. Er ist die Zeugung des Geistes für’s praktische Leben; er vermählt gleichsam den Gedanken mit der nützlichen Anwendung. Wo aber mit Genie ein reiches Gemüth verbunden ist, da sind auch Idee und Offenbarung bei einander. Die Offenbarung aber ist jeder Zeit ein Wunder, ein für den Verstand Unbegreifliches, Etwas, das den Forscher beständig in Erstaunen setzen und verblüffen wird. Sie ist der Eintritt der Wahrheit in die Welt, eine neugeborene Gedankenform, die zum ersten Mal im Universum erscheint, ein Kind der alten, ewigen Weltseele, ein Atom des Unermeßlichen, Unbegrenzten. Das Genie erscheint gleichsam als der Erbe von allem Dagewesenen; es schreibt die Gesetze der Zukunft, es wirkt mit dämonischer Gewalt auf die Vorstellungen der Menschen ein und zaubert ein Neugestalten in den Verhältnissen hervor. Aber das Genie bedarf einer Vermittelung zu seinen Offenbarungen; die wunderbarsten Inspirationen sterben mit dem Begeisterten, wenn ihm die Fähigkeit abgeht, sie den Sinnen darzustellen, dem Lichtstrahle gleich, der unsichtbar den Raum durchstreift, wahrnehmbar erst da, wo er auf einen Gegenstand fällt.
Ein Uebermaß von praktischem Verstand, ausgewogen von Mangel an Genie und Gemüth, bildet einen Grundzug im Volkscharakter der Yankees. Auf diesem Boden wird die Saat der europäischen Bildung, gute wie böse, das nährende Korn, wie das giftige Unkraut, ausgestreut. Es ist kein durch die Arbeit vorausgegangener Jahrhunderte sorgfältig bereiteter Boden, auf dem das Ausgestreute in eigener Entwickelung und Selbstständigkeit überall gedeihen könnte. Das Leben in Amerika bewegt sich beständig auf der Rennbahn; die Hast macht das Uebertreiben zur Nothwendigkeit; Zeit zum gegenseitigen Durchdringen, Ineinanderleben, Assimiliren ist nirgends gelassen. Dadurch erhalten Uebertreibung und Unnatur Berechtigung in den wichtigsten Lebensverhältnissen, und wo das Unnatürliche in die Rechte des Natürlichen eintritt, – da haben auch Wunderglaube und Humbug Spielraum und es können uns die Erscheinungen nicht befremden, die diesem entsprechen. Von Allem, was der Verstand nicht fassen kann, von allem ihm Unbekannten, läßt sich der Amerikaner imponiren und er behält die empfangenen Eindrücke so lange, bis sie andere, neue wieder verwischen. Seine krankhafte Leichtgläubigkeit begeistert ihn für eine Sache unglaublich schnell; sein rechnender Verstand läßt ihn jedoch eben so schnell Das wieder aufgeben, was ihm unpraktisch erscheint. Er schwärmt für politische und religiöse Meinungen; von Dem, was sich dreist als außerordentlich, übernatürlich, an das Wunderbare grenzend ankündigt, wird er unwiderstehlich angezogen, die schreiendsten Gegensätze erregen seine Theilnahme, das Unmögliche bringt ihn in Bewegung. Daher findet der Humbug – jene auf’s Höchste potenzirte Charlatanerie, für welche die alte Welt keinen Ausdruck hat, – in Amerika jeder Zeit Gläubige in Menge und in allen Klassen. Der Humbug durchdringt die ganze Gesellschaft, ja, in vielen Verhältnissen wird er zur anerkannten Nothwendigkeit. Jeder, der in Amerika war, wird hundertmal die Bemerkung vernommen haben, Humbug gehöre zum Geschäft – eine starke Dosis
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Fünfzehnter Band. Bibliographisches Institut, [Hildburghausen] [1852], Seite 297. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_15._Band_1852.djvu/305&oldid=- (Version vom 14.9.2025)