Seite:Meyers Universum 15. Band 1852.djvu/313
| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Fünfzehnter Band | |
|
|
aneinanderreiht; man sieht keinen Abklatsch des Uniformen und Despotischen. Allenthalben bringt noch der Boden und Himmel hervor, was sie hervorbringen können und darum sollen, ähnlich dem Menschen selbst, der in Amerika schafft und wirkt in gesetzlicher Freiheit, was er selbst als das Beste erkennt. Im Auburn-Todtenpark ist darum ein Stück Urwald so gut an seiner Stelle wie die duftenden Jasmin- und Rosengehäge es sind, und die Haine von Tulpenbäumen und Oleander.
Durch Wald und Gesträuch, um Blumenparterres und Rasenplätze winden sich enge Pfade und breite Wege, und sinnige und reiche Denkmäler wechseln mit den einfachen Malsteinen, oder dem bescheidenen Holzkreuz. Jedes Grab hat Raum genug übrig, daß die Liebe es schmücken kann nach ihrem Wohlgefallen. Alle Wege und Pfade aber führen aus der Tiefe der Höhe zu, von der man durch eine Oeffnung des Waldes das meerumspülte Boston erblickt, das seinen Kindern die herrliche Ruhestätte schuf, – eine Ruhestätte, welche an die Worte des Dichters erinnert:
„Nicht unter Steingewölben, die Gottes Licht verbergen,
Nicht in des Domes Kreuzgang, umringt von Leichensärgen,
Und wo mit Prunkgewändern zur Schau die Menge steht,
Quillt aus des Herzens Tiefen Trauer – Lieb’ – Gebet.
Dort, wo durch Buchenkronen und durch die heil’gen Eichen
Geheimnißvoll die Lüfte mit leisen Flügeln streichen,
Wo aus den Blüthenästen der Sang der Vögel schallt,–
Dort ist es, wo ich bete; mein Tempel ist der Wald: –
Da haucht’s der Lieben Nähe, da kann ich Gott begreifen,
Wenn meine trunk’nen Blicke durch seine Werke streifen;
Da hör’ ich seine Worte, da les’ ich seine Schriften
Auf buntgeschmückter Erde und in den blauen Lüften;
Da steht sein großer Tempel auf unsichtbaren Säulen,
Da darf der Christ, der Heid’, der Türk’ und Jude weilen;
Da dürfen Alle beten, wenn’s nur im Herzen flammt,
Denn aller Menschen Vater übt selbst das Priesteramt.
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Fünfzehnter Band. Bibliographisches Institut, [Hildburghausen] [1852], Seite 305. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_15._Band_1852.djvu/313&oldid=- (Version vom 15.9.2025)