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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Fünfzehnter Band | |
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Rednerbühnen strömt eine Fluth von Injurien und den infamsten Insinuationen über den Mann herab, den das öffentliche Vertrauen der Nation als den künftigen Gesetzgeber bezeichnet. Wenn man in der Zeit der Kongreßwahlen die Parteiblätter liest, und nicht weiß, daß all das Feuer nur gemacht wird, um den Demokraten oder Whig von der Schwelle des Hauses „zu brennen“ – der sollte meinen, daß die Wähler beider Parteien sich das Wort gegeben hätten, die größten Dummköpfe, Spitzbuben und Schufte der Union in den Kongreß zu schicken, und daß es geflissentlich darauf abgesehen sey, durch solche Leute die Konstitution über den Haufen zu werfen, das Land zu verderben und eine Katastrophe herbeizuführen. – Und beobachtet man am Wahltage selbst das Branden und Strudeln der Volkswogen, hört den gewaltigen Lärm, sieht die aufgeregten Menschenmassen, Musik und Banner voran, durch die Straßen, jubelnd und Hurrah rufend, zu den Wahlurnen ziehen, so meint man, es werde nun los und drunter und drüber gehen. Aber nach einigen Stunden haben die Straßen wieder das gewöhnliche Ansehen; die Flaggen sind eingezogen, das Leben trägt sein Alltagskleid – die Abstimmung ist vorüber und damit die Sache abgethan. Die Verleumdung schweigt. Die Perfidie hat keine Stimme mehr. Weder am Sieger, noch am Ueberwundenen, sey er Demokrat oder Whig, haftet von all dem Schmutz, mit dem er im Getümmel der Wahlschlacht bedeckt worden war, ein Fleckchen. – Ebenso, nur in 30fach größerem Maßstabe, stellt sich die Scenerie einer Präsidentenwahl dar. Wählten dort, für das Kongreßmitglied, hunderttausende eines Staats, so ziehen hier die Millionen der Union an einem Tage zu den Stimmurnen, nicht gehütet von Gensdarmen und Sicherheitsbeamten, sondern als Bürger, die de jure den Akt ihrer Souveränität mit turbulenter Freiheit üben. Jede County schaart dann ihre Wähler unter dem Demokraten- oder dem Whigbanner, und so zieht jede Schaar zur Wahlbude und gibt ihre Stimme ab. Bei dieser Organisation wird der unermeßliche Strom der Wählerschaft in eine Menge kleine Kanäle abgeleitet, und die wählerische Agitation hat nirgends mit zu großen, leicht zur Unordnung aufzuregenden Massen zu thun. Hustings unter freiem Himmel, wie in England, wo die Volksredner Tage lang vor zahllosen Menschenmassen haranguiren, gibt’s in den Vereinigten Staaten nicht. Die vorbereitenden Wahlversammlungen werden in verschlossenen Räumen abgehalten. Große Säle, deren es zu solchen Zwecken in allen Distrikten gibt, dienen den Kandidatur-Verhandlungen zur Stätte. So wird schon lange vor der eigentlichen Wahl Alles vorbereitet, die Parteien haben ihre Kräfte gemessen, haben sich über ihren Kandidaten verständigt, und am Wahltage selbst hat der Wähler nichts weiter zu thun, als dem festlichen Aufzuge seiner Partei sich anzuschließen und in die Urne seine Stimme niederzulegen.
Bei den Kongreß- und Präsidentenwahlen sind allemal nur zwei Banner und Parteien sichtbar: Whigs und Demokraten. Es verschwinden bei dieser Gelegenheit alle politischen Schattirungen, sammt den Namen, die sie bezeichnen. Es ordnet sich dann das scheinbare Chaos des amerikanischen Parteiwesens;
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Fünfzehnter Band. Bibliographisches Institut, [Hildburghausen] [1852], Seite 74. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_15._Band_1852.djvu/82&oldid=- (Version vom 26.8.2025)