Seite:Meyers Universum 16. Band 1854.djvu/109

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

Bauch und den Mammon, das Nützliche und Rentable beständig in den Vorgrund schieben, oder ihnen allein Geltung zugestehen, für Jene auch, denen es allemal lieber ist, in den finstern Schacht einer Kohlengrube einzufahren, als durch ein kunstvoll gegliedertes Portal in das magische Dunkel eines Tempels Gottes zu treten, wird die Beschreibung der Marienburg so wenig Unterhaltendes haben, als für Diejenigen, welche bei dem Anblick eines solchen Werkes idealer Begeisterung und Kraft beständig an die Millionen denken, welche es gekostet haben mag, und seufzend berechnen, wie viel Kanäle und Spitäler, oder auch wie viel Kasernen, Marställe, Kadettenhäuser und andere Nothwendigkeiten des modernen Staatsglückes dafür zu bauen gewesen wären. Die Armen! fern liegt ihnen die Betrachtung: wie viel Herzen im Laufe des Jahrhunderts ein solcher Bau durch seinen Anblick und durch die geschichtlichen Erinnerungen, die sich an ihn knüpfen, gehoben, erwärmt, zu edlen Vorsätzen und großen Entschlüssen angeregt hat, und der Begriff ist ihnen verschlossen, daß Männer, die so ein Werk erdenken, anordnen und ausführen konnten, so gut zu den Wohlthätern und Erziehern der Menschheit gehören, als die großen Erfinder und Entdecker, die Dichter und Propheten des Geschlechts.

In den baltischen Ländern hat sich in der Frühzeit der Hansa und des Deutschritterthums der germanische Baustyl in einer ganz eigenthümlichen Weise ausgebildet. Die Herrschaft des deutschen Ordens in Preußen war der vorzüglichste Träger der Kultur und Kunst in diesen Ländern und der eigentliche Nerv ihres Lebens. Die Gewohnheit der Glieder jener kriegerischen Gemeinschaft, in fernen Ländern, zumal in Italien und im Morgenlande, Krieg und Abenteuer aufzusuchen, hatte Einfluß auf jene Ausbildung. Daher die sichtbare Verbindung maurischer und byzantinischer Elemente mit den germanischen in den wenigen großen Bauten, die noch aus jener Zeit übrig sind.

Es schließt diese Verschmelzung die majestätische Einfachheit in der Anlage nicht aus, welche den bezüglichen Monumenten der erwähnten Periode eigen ist. Sie tragen alle das Gepräge einer ruhigen Reflexion, erhabener und großer Ideen. Tritt auch zuweilen in der Gliederung des architektonischen Ganzen die rhythmisch bewegte Entwickelung seiner Theile gegen die Masse zurück, so drückt sich doch stets sowohl in der Kraft und dem Ebenmaß der Hauptformen, als in der großartigen Kühnheit aller Verhältnisse die Meisterschaft auf das entschiedenste aus, und die reichste, eigenthümlich gestaltete, Ornamentik wird man selten vermissen. Granit und gebrannter Stein, sehr oft in gemeinschaftlicher Anwendung, bilden das Material zu jenen Bauten. Es begünstigt diese Verbindung die reiche Dekoration der Außentheile, der Strebepfeiler, Friesen, Gesimse, Fensterblenden, Giebel, Zinnen und Thürme, und sie läßt, bei der Vielfarbigkeit der glasirten Ziegel, die höchste malerische Wirkung in eben der Weise erlangen, als in so manchen Bauten Oberitaliens durch die Anwendung verschiedenfarbigen Marmors. – Diese Eigenthümlichkeiten treten vorzugsweise in den Monumenten des deutschen Ordens – seinen Burgen, Schlössern und Kirchen