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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band | |
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Chroniken. Im östlichen Flügel befindet sich die monumentenreiche Schloßkirche, unter welcher die St. Annengruft als Ruhestätte der Hochmeister sich wölbt, die von Dietrich v. Altenburg erbaut wurde. Das „hohe Schloß“, 1643 durch Brand hart mitgenommen, ward später durch Friedrich den Großen, im Interesse des Nützlichkeitssystems, in ein Heu- und Korn-Magazin umgewandelt. Neben der Schloßkirche steigt der „Pfaffenthurm“ empor mit den einst prächtigen Wohnungen der Geistlichen des Ordenshauses. Die nachherigen polnischen Herren machten ein Jesuitenkollegium daraus und der alte Fritz ein Zeughaus. – Die zweite Burg, das „mittlere Schloß“, besteht aus drei langen Schloßflügeln, die ein offenes Quadrat bilden. Den einen nimmt die „Bartholomäuskirche“ ein, an welche die Staatszimmer des Ordensfürsten und die Gastkammern für Fremde sich anschlossen. Auch dieser herrliche Bau ward 1803 zum Magazin und die Säle der Hochmeister wurden zu Schüttböden entwürdigt. Die mittlere Façade mit dem großen Portal enthielt links des „Großkomthurs Wohnung“, von besonderer Pracht, und rechts die „Herreninfirmerie“ oder das Ritterhospital. Diese ganze Partie der Burg wurde 1802 in Wohnungen für die Magazinbeamten verkehrt und man muß sogar an der Möglichkeit verzweifeln, sie wieder herzustellen. – Der westliche Flügel endlich enthielt die Wohnung für den Hochmeister, welche mit dem großen Konventsremter der Ritter zusammenhing. Er ist das eigentliche Residenzschloß. Dietrich v. Altenburg hat den Bau auch dieses Prachtbaues begonnen, doch die Vollendung desselben ist gewiß in die Zeit des großen Winrich zu setzen. Damals waren die Macht und der Reichthum des Ordens auf ihrer Höhe; die Mittel, den Bau so prachtvoll auszuführen, waren also in Ueberfluß vorhanden. Schon die äußere Ornamentik deutet auf die Majestät der Person, welche in diesen Gemächern ihren Wohnsitz hatte, und das Innere entspricht dem Aeußeren. Die ganze Façade erscheint wie ein lichtes Fenster. Das zierlich durchbrochene Mauerwerk wird von schlanken Granitpfeilern mit kolossalen Karyatiden auf Mauerbogen von Granit getragen, über die sich das Filigränwerk der durchbrochenen Zinnen, die als Brustwehr hoch über das Dach steigen, wie eine Krone gegen den Himmel abkantet. Drei Eingangspforten führen jede in eine andere Etage. Ueber der mittleren erinnert das in Stein gehauene Wappen der fürstlich Reußischen Familie an einen Ahn derselben, Heinrich von Plauen, der das Ordenshochmeisteramt in einer Zeit der schwersten Kämpfe und Bedrängnisse bekleidete.
Nicht minder stattlich ist der Anblick, wenn wir von der Zugbrücke des trockenen Grabens, der das Hochschloß vom mittleren trennt, die Südseite des hochmeisterlichen Palastes vor uns haben und den ganzen Bau vollständig von seinen untersten Geschossen an durch vier Stockwerke bis hinauf zu den hochragenden Zinnen in’s Auge fassen. Die riesige Kraft des unerschütterlichen Mauerwerks im Fundamente, der Ernst in den Anstalten zur Vertheidigung, die heitere Ansprache der Kunst in den mit den zierlichsten Skulpturen ausgestatteten Fensterbögen und Thürgewänden, die Kühnheit der Zinnenbrüstung und die Harmonie des Ganzen ist wunderbar schön! Tief aus dem
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1854, Seite 106. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_16._Band_1854.djvu/111&oldid=- (Version vom 8.10.2025)