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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band | |
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Prachtgewölbe und zerfallenen Thürme und Arkaden neu aufzuführen, das würde Hunderttausende kosten, und wo sind die Meister, welche es in der kunstvollen Ornamentik den Alten gleich thun könnten? Schon die Restauration der Hochmeisterwohnung und des Konventremters hat die Mittel sehr erschöpft; und doch galt sie nur dem vergleichsweise bester erhaltenen Theil des Ganzen. – Ein ganz eigenthümlicher Geist lebt in der Marienburg. In den deutschen Domen sehen wir die Kirche allein in einer großartigen Idee verkörpert. Im Hochmeisterschloß ist Religion und Heldenleben des Mittelalters in ein großes Gemälde gebracht. Wie der Ritter des Ordens Kreuz und Schwert trug, so ist in diesem Ordenshause auch überall eine Vereinigung des Heiligen mit dem Weltlichen sichtbar. Das Haus war eine Fürstenburg, eine Landeswehr gegen Feindesgewalt, es war der Palast eines mächtigen Herrschers; es war zugleich eine der Religion geheiligte Stätte. Nicht weniger als drei Kirchen und Kapellen befanden sich auf der Marienburg, und Kunst und Reichthum wetteiferten in ihrer Ausstattung.
Bevor wir uns von dem Orte trennen, wo so Vieles zum Herzen spricht und die Gedanken anregt, wollen wir noch ein Paar Einzelheiten beschauen. Wir folgen dem Kastellan zum „obern Gang“, der zu „Meisters großem Remter“ führt. Die hohen Gewölbe desselben ruhen in der Mitte kühn auf einem einzigen Granitpfeiler. Die gewaltigen Fenster, mit den zartesten Skulpturen, Laubgewinden und Thiergestalten, geziert und mit den schönsten Glasmalereien geschmückt, gewähren eine unermeßliche Aussicht in’s flache Werderland. Daß es in diesem Saale oft froh zugegangen sey, davon zeugen die prächtigen Schenkbänke aus Marmor, die an der Wand hinlaufen, und die Kloben an den Decken, an welchen die Kronleuchter hingen. Denkt Euch diese Gewölbe, Gurte, Pfeiler und zahllosen Ornamente im Wiederscheine der Kerzen, wie sie lebendig in einander ranken; denkt sie Euch, von draußen gesehen, bei dunkler Nacht, wie eine Riesenleuchte über dem stillen Lande thronend: es war gewiß schön! – Auch der 110 Fuß lange Konventremter mit seinen weißen, luftigen Sterngewölben, die von drei schlanken Granitpfeilern getragen werden, ist herrlich, zumal wenn die Abendsonne in den bunten Schildereien der acht hohen Spitzbogenfenster flammt und den farbigen Fliesenteppich mit phantastischen Blumen bestreut. Seine gewaltige Decke, die in kelchförmigen Wölbungen dreimal mit den Pfeilern zusammen wächst, verwandelt die schlanken Steinstützen gleichsam in Palmbäume, welche ihre Aeste in elastischer Biegung gen Himmel strecken und sanft zur Erde wieder zurückneigen, oder in kolossale Lilienkelche von Stein, denen des Meisters Hand Leben einzuhauchen schien. Es dürfte nicht zu viel behauptet seyn, die gesammte gothische Baukunst habe unter ihren Tausenden edler Bildungen kein Gewölbe hervorgebracht, welches an Leichtigkeit, Eleganz und schönem Verhältniß der Stützen zum Gestützten diesem Meisterwerke der Kunst gleichkommt. Alle frühern Gewölbekonstruktionen scheinen nur Vorbereitungen zu diesem Triumphe; alle spätern ein Hinabsteigen vom Gipfel.
Zum Schluß noch einen Blick auf ein Kunstwerk der Marienburg, das vielleicht das originellste des ganzen
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1854, Seite 108. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_16._Band_1854.djvu/113&oldid=- (Version vom 8.10.2025)