Seite:Meyers Universum 16. Band 1854.djvu/114

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

Baues ist; ich meine die sogenannte „goldne Pforte“ – das Portal der Schloßkirche. Dieses Prachtthor war einst vergoldet. Der Figurenschmuck, die Laub- und Blumen-Ornamente an demselben sind von der edelsten Bildung; Anmuthigeres hat die Kunst niemals hervorgebracht.

Fragen wir nun, ehe wir der Marienburg unsern Scheidegruß zuwinken, wer ist der Baumeister dieses hohen Hauses? so bleiben wir ohne Antwort. Keine Tradition hat seinen Namen aufbewahrt. Ohne Zweifel haben (von 1280–1360) der Baumeister mehre daran gearbeitet. Der Hochmeister, unter welchem der Bau begonnen, kam von Venedig, und es kann daher nicht auffallen, daß man so vielfach durch Styl und Ornamentik an die alte Beherrscherin der Meere erinnert wird. Schinkel will auch Aehnlichkeit mit den Rathhäusern von Löwen und Brüssel; Böttcher mit der Alhambra und Bathalia erkennen; Alle stimmen aber in der Bewunderung des Werks überein. Wie von der Hochburg Athens das Bild der schützenden Göttin weithin gesehen wurde, so, wenn auch naiver, blickt die Umgegend nach der Schutzheiligen des Ordens. „Siehst du die Marienburg nicht?“ ist noch jetzt die sprichwörtliche Frage in des Volkes Mund, wenn das Auge das Nächste und Größte übersieht.

Das Licht einer großartigen Vorzeit umstrahlt die alten Mauern der Hochmeister-Residenz; – die Erinnerung an das große Leben eines vergangenen Geschlechts spricht noch mahnend aus den gewaltigen Gebilden der ehrwürdigen Ruine; die Umgestaltung eines heidnischen Landes in ein christliches, die Begründung eines deutschen Lebens am fernen Bernsteinmeere, die Grundlegung der Verfassung des heutigen Preußenlandes: – Alles führt auf die Marienburg zurück, und wenn die Burg, mit Künstleraugen betrachtet, auch bei weitem nicht so herrlich dastände, schon als geschichtliches Denkmal, als Ehrenmonument der preußischen Vorzeit, hätte sie Erhaltung oder Wiederherstellung verdient.

Der Verfall des Schlosses fing an, als der Orden nicht mehr fähig und würdig war, seine Herrschaft zu behaupten. Lange Jahre lag sie öde; erst in neuester Zeit ist sie, wenn auch nicht wieder geboren, aber doch von den entstellenden Zuthaten und dem Schutt, die sie verhüllten, theilweise gereinigt worden. Ich sage theilweise; denn noch viele Jahrzehnte werden dazu gehören, herzustellen, was Jahrhunderte verwüsteten. Nach Vertreibung des letzten Hochmeisters war sie hinabgesunken zum Wohnsitze polnischer Starosten. Dann kam die Burg an Preußens Friedrich, der, wie sein Nachfolger, Arges an ihr verschuldete, und in der That an der Marienburg in kurzer Zeit mehr verwüstete, als die polnische Zeit zuvor verdorben hatte. Hatte doch des dicken Wilhelms Minister, ein Herr von Schröter, 1804 schon den Befehl zum Abbruch des Schlosses erlassen, um aus dem Material Ställe zu bauen! Max von Schenkendorf war der Erste, welcher die Wiederherstellung des Baues anregte; aber Preußens unglückliche Lage nach dem Kriege von 1806–1807 versagte zu solchem Vorhaben die Mittel. Erst als im Brande von Moskau das blutige Morgenroth einer neuen Zeit der Ehre auf Preußen fiel, und die Herzen, von hohen Ideen