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DCCXII. Das weiße Haus.




Am stillen Ufer des Potomak, umgeben von freundlichen Gartenanlagen, steht ein Haus, weiß getüncht, schmucklos, von bescheidenen Dimensionen. Sein anspruchsloses Aeußere läßt nicht vermuthen, daß es mehr sey, als eines Privatmanns anmuthiger Landsitz. Und doch ist dieses Gebäude die Wohnung eines Mannes, dessen Hand das Steuer führt im mächtigsten Staate der neuen Welt und auf dessen Wort Fürsten und Völker der Erde lauschen. Hier residirt der zum Präsidenten erwählte Bürger der großen Republik, ein König über 25 Millionen freier Menschen, die ihm, dem Fürsten des Gesetzes, willig dienen, und unter denen keiner ist, in dem nicht daß stolze Bewußtseyn lebt, daß auch er das Recht habe, berufen zu werden, Herr in diesem Hause zu seyn.

„Das weiße Haus“ nennt schlechtweg das Volk die Amtswohnung des Präsidenten der Vereinigten Staaten zu Washington. Mir gefällt der Name. Es hängt nichts daran von dem Schellengeläute des Herrscherthums, er entspricht der republikanischen Einfachheit, welche Glanz, Schein, Parade und Flitterstaat gern entbehrt. An ihn knüpfen sich nicht, wie an die Namen der Schlösser von Versailles und der Tuilerien, an die Windsor-Castle und Dogenpaläste von Venedig und Genua, an den Vatikan und das Haus des Czaren, die Erinnerungen von Blutscenen und Verbrechen; weiß ist ja die Farbe der unbefleckten Tugend, der Unschuld, Wahrheit, Rechtschaffenheit! – Das weiße Haus – wahrlich! ich wüßte keinen schönern Namen für die Wohnung eines Mannes, der berufen ist, als Regent das Glück seiner Mitbürger zu befördern. Und Amerika braucht sich seiner Wahlkönige nicht zu schämen. Sie waren rechtschaffene, gute, weise, achtbare Männer. Unwerth der Ehre, auf dem Stuhle des großen Washington zu sitzen, war kein einziger.

Ich will nicht sagen, daß sie alle Washingtons gewesen. Ich meine nur, daß das Volk seine Wahl nie zu bereuen gehabt hat. Keiner seiner Präsidenten hat mit einer einzigen unehrenhaften oder schlechten That das Buch der Unionsgeschichte beschmutzt; alle haben dem großen Zweck ihres Berufs redlich gelebt. Washington steht allein, und wird immer allein stehen, hocherhaben, wie seine eherne Bildsäule über den Statuen der Andern am Sockel seines Denkmals. Er ist wie Shakespeare unter den Dramatikern, Homer unter den Dichtern, Newton unter den Physikern, Luther unter den Reformatoren, Leonidas und Winkelried unter den