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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band | |
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Speditionshandel richtete sich wieder ein. Jetzt ist die Stadt der Ausgangspunkt des bayerischen Eisenbahnnetzes in südwestlicher Richtung. Die Bevölkerung wächst wieder, mit ihr der Häuserwerth, der allgemeine Wohlstand, Handel und Gewerbe. Lindau ist, als Hauptstation der Dampferflottille des Bodensees (sie zählt bereits über 30 Schiffe), ein Centralpunkt der Spedition zwischen Deutschland, der Schweiz, des südlichen Frankreichs und Italiens geworden und die Schaaren der Reisenden, welche ihm der Dampf auf Booten und Eisenbahnen täglich zuführt, geben der Stadt Leben und Rührigkeit. Dem bürgerlichen Erwerb sind neue Quellen geöffnet, die Menschen selbst haben sich vortheilhaft geändert. Die begonnene Einwanderung der Fremden übt einen wohlthätigen Einfluß und verträglich mischen sich die christlichen Konfessionen, die Stämme, Idiome, die Sitten und Gebräuche. Das beständige Hin- und Herwogen der Reisenden aus allen Ländern hat die Lindauer aufgerüttelt und an die Stelle des früheren Kleinstädterwesens ist jener verständige weltbürgerliche Sinn getreten, der sich überall im Verkehr mit Menschen anderer Völker, anderen Glaubens und anderer Meinungen entwickelt und immer zu einer humanen Anerkennung der gegenseitigen Tugenden und Vorzüge führt. Was sich ungesellig gegen das Fremde abschließt und sich beständig in dem Kreise der eigenen Meinungen dreht, verliert die Fähigkeit, das Rechte und Wahre zu erkennen. Wir sehen dies überall bestätigt und finden z. B. manche Völker in Asien, die durch ihr Isolirungssystem unfähig geworden sind, die unermeßlichen Güter der europäischen Civilisation zu würdigen, oder aus denselben Vortheil zu ziehen, – Völker, die nicht begreifen können, wie man leben kann anders als unter dem Schwerte der Despoten, oder unter dem Schrecken von Religionen, welche Menschenopfer für die Altäre ihrer Götter fordern.
Lindau hat manche Sehenswürdigkeiten, welche seine Frühgeschichte illustriren. Die Marienkirche, – zu dem ehemals reichsfreien Frauenstift gehörend, – war berühmt wegen ihrer Denkmäler und Bildwerke, die bis in die Zeit der fränkischen Könige reichten, und die nach der Zerstörung der ältesten Stiftskirche bei Nonnenborn durch die Hunnen, hierher gerettet wurden. Leider ist bis auf eine Anzahl altdeutscher Gemälde und Holzskulpturen fast Alles in dem großen Brande vom Jahre 1728 untergegangen, und die wenigen, noch übrigen Gebäude des Stifts dienen jetzt den bayerischen Behörden als Amtslokale. Die Aebtissin hatte von uralter Zeit her das Recht, einen Missethäter durch eigenhändige Abschneidung des Strickes in dem Augenblicke, als er von der Leiter durch den Henker in die Ewigkeit gestoßen werden sollte, zu erlösen. Ein heroischer Akt für eine Dame! Das Messer, um den Strick abzuschneiden, wurde der Aebtissin auf silberner Schüssel nachgetragen. War der Verbrecher glücklich erlöst, so wurde er in feierlicher Prozession in’s Kloster geführt und da bis zu seinem Tode ernährt; aber zum Denkzeichen mußte er den Armesünderkittel und den Strick immerdar um den Leib gebunden tragen. Jede Aebtissin durfte das Galgen-Erlöser-Recht zwar nur einmal in ihrem Leben ausüben; aber fast jede machte, die letzte noch im Jahre
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1854, Seite 115. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_16._Band_1854.djvu/120&oldid=- (Version vom 8.10.2025)