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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band | |
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beseitigt wurde, und ein „geheimer Rath“, aus 3 Bürgermeistern und 2 geheimen Rechtskonsulenten bestehend, übte die Exekutive. Die Abgaben der Bürgerschaft, um das Blutsaugersystem der herrschenden Familien, ihrer Dienstmannen und Werkzeuge aufrecht zu erhalten, stiegen in’s Unglaubliche; sie fraßen am Ende ein volles Drittel des bürgerlichen Einkommens auf. Die Furcht vor Verarmung trieb Tausende zur Auswanderung. Unter diesen Verhältnissen war der Sturz des Reichs und der Selbstregierung für Lindau ein Glück, der Verlust der mißbrauchten Freiheit ein Gewinn und die bayerische Herrschaft ein Segen.
Fort mit den ärgerlichen Gedanken! – Siehst Du, lieber Leser, auf dem Bilde das kleine Häuschen dort in der Umpfählung am äußersten Ende der Stadt? Von da hast Du eine der schönsten und reichsten Visten des ganzen Schwabenmeers. Mit Hülfe Deines Taschenteleskops siehst Du sehr deutlich die Thürme der Abtei von St. Gallen; den Dom von Constanz sogar kannst Du bei hellem Wetter erkennen; die nähern Städtchen Rheineck, Rorschach, Arbon glänzen unter hundert Flecken, Dörfern und Weilern, die das schweizer Ufer beleben, und auf den Hügeln und Höhen landeinwärts glitzern die vielen Schlösser und Burgen Appenzells und Thurgau’s über des Gewässers breiten Spiegel. Die Wolken haben sich jetzt zurückgezogen in die höhern Luftgefilde; sie umhüllen nur noch die höchsten Häupter der Gebirge, oder flattern kosend von einer Schlucht in die andere: – wenn aber, wie es oft geschieht, der Föhn von den Hochalpen durch die engen Thäler dem See zubraust, bald hie und da den Nebelschleier von den Firnen und Firsten reißt und die von Schnee und Eis starrenden Scheitel, oder das scharfkantige graue Felsgemäuer der Gräten und Zacken entblößt; oder wenn er die Nebel niederdrückt, daß sie Alpen und Thäler bedecken und nichts sichtbar bleibt, als hier und da ein einsames Berghorn, das hoch über den Wolken zum Himmel ragt: wie ist’s da schön! wie ist da die ganze Natur ringsum ein aufgeschlagenes Evangelienbuch des geoffenbarten Gottes in einer Prachtausgabe mit funkelnden, goldenen Decken und Schließen. Viele, überwältigt von so viel Schönheit, wagen’s kaum schüchtern hineinzublicken mit verstohlenem Blick, so voll sind sie der Freude, der Ehrfurcht und der Anbetung.
Auch die Rheinmündung ist ein gar schöner Punkt in dem weiten Panorama. Ganz nahe guckt Dich der Strom an in seinem breiten Bett, durch welches er seine klaren Gewässer dem See zurollt. Ohne Krümmungen verfolgt das Auge den Rhein in gerader Linie meilenweit das Thal hinan, und neugierig treten da und dort die grünen, bewaldeten Berge an seinen Rand, oder schaut eine Burg über die mit Neben und Obstbäumen bepflanzten Gehänge zu ihm nieder. Zwischen den felsigen, steilen Gebirgszügen Vorarlbergs und den Bergen der Schweiz ist das Ufer des Sees flach; niedriges Gesträuch kriecht an dem Boden, manche sumpfige Strecke ist mit hohem Schilf und mannshohem Riedgras überwachsen. – Am schönsten wird die Aussicht, wenn die Sonne zum Horizonte sinkt, die Wellen des Sees vergoldet, hierauf das ganze sechzehn Stunden lange Schwabenmeer in rothe Feuergluth taucht,
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1854, Seite 117. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_16._Band_1854.djvu/122&oldid=- (Version vom 15.11.2025)