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Avenüen; keine Garden und Schilderhäuser belagern die Eingänge; keine Livreen glänzen in den Corridors; keine Kammerherren und Kammerdiener hüten die Vorzimmer; keine prunkenden, zeitraubenden, ehrfurchtgebietenden Ceremonien und Aufzüge leiten die Audienzen ein, oder verkündigen das öffentliche Erscheinen des ersten Magistrats einer gaffenden Volksschaar. Der Präsident hat seine bestimmten, bekannten Arbeitsstunden; ein Jeder achtet sie und Keinem fällt es ein, ihn während derselben mit seinem Besuche zu behelligen. Zu jeder anderen Zeit sind seine Zimmer Denjenigen offen, die ihn sprechen wollen. Es bedarf dazu keiner Introduktion, keines Audienzgesuchs; Jeder ist sein eigener Ceremonienmeister und stellt sich selbst vor. Trotz dieser Freiheit und Ungebundenheit hat sich der Präsident selten über eine Zudringlichkeit zu beklagen; das Volk weiß: der Mann hat viel zu arbeiten, und die Neugier wagt es nicht, ihn um seine Zeit zu betrügen. Nur an den Nationalfesten, am 4. Juli, dem Jahrtage der Unabhängigkeitserklärung, an Washington’s Geburtstage, und wohl auch am 1. Januar, strömen die Schaaren der Bürger nach dem weißen Hause, um ihren Regenten ohne Krone zu begrüßen und ihm die Hand zu drücken. Bei solchen Anlässen gehen Anstand und Herzlichkeit stets zusammen. Die Furcht, welche Knechte macht, hat daran keinen Theil. Ein amerikanischer Präsident hat kein Sibirien, er hat keine Unterthanen, die er auf den Zobelfang, in die Bergwerke oder nach Cayenne schicken kann; er hat nicht für die Bevölkerung von Kasematten und Kerkern mit Staatsverbrechern zu sorgen; ihm strömen keine Thränen Flehender auf die Hand, die wie Scheidewasser brennen; er hat nicht Gnadengesuche von Unglücklichen entgegenzunehmen, deren Blicke ihm wie Dolche in’s Gewissen fahren: – leichten Herzens sonnt er sich an der freiwillig dargebrachten Huldigung des freien Volks, freut sich der Zeichen allgemeiner Zuneigung und Achtung, und genießt den Feiertag mit Lust, der ihn für viele Werkeltage lohne. Euch, ihr Könige, – Schlachtopfer oder Opferpriester – Unglückliche oder Schuldige, – beneidet er nicht!

Während der Sitzungsperiode des Kongresses hat der Präsident ein oder zwei Mal die Woche die mit seiner Stellung verknüpften Repräsentationspflichten zu erfüllen. – Ein diplomatisches Diner versammelt dann die einheimischen und fremden Notabilitäten im weißen Hause, und was die Damenwelt von Washington an Auszeichnung, Schönheit und Liebenswürdigkeit besitzt, ist des Abends um die Frau Präsidentin im Ballsaale vereinigt. Um bei diesen Gelegenheiten allen Rangstreit zu vermeiden, hat die republikanische Praxis die alphabetische Ordnung eingeführt, d. h. die Eingeladenen rangiren sich nach den Anfangsbuchstaben ihrer Namen. Der launige Zufall bringt da manche ergötzliche Nachbarschaften zusammen. Der Botschafter des Czaren, strotzend von Goldborten und strahlend von diamantenen Sternen, kommt vielleicht neben den schwielenhändigen Farmer und Deputirten des fernen Westens zu sitzen, ein rothhäutiger Abgesandter seines Stammes aus dem Felsengebirge ist das vis-à-vis vom bevollmächtigten Minister des Kaisers von Oesterreich; der glatte,