Seite:Meyers Universum 16. Band 1854.djvu/140

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

Blick der künftigen Geschichte einen glänzenden Schimmer auszubreiten über die dunklen Spuren, welche die Großen der Erde heut zu Tage auf ihrem Wege zurücklassen.

Der Semmering, ein Ausläufer der norischen Alpen, ist eine uralte Völkerpassage und war schon zu Römerzeiten ein Durchgangs-Thor aus dem binnenländischen Noricum nach den Donau-Ländern. Es gab aus dem Innern von Steyermark keinen niedrigeren Gebirgs-Uebergang als den Semmering, und schon im 14. Jahrhundert baute ein steyrischer Herzog einen Weg über denselben und errichtete mitten in der Wildniß des Hochgebirgs ein Hospiz, das jetzt stattliche Dorf Spital. Kaiser Karl VI. baute 1728 eine große Fahrstraße desselben Wegs, die aber 100 Jahre später durch einen neuen Straßenzug, an dem mit großem Aufwand 11 Jahre lang gebaut wurde, ersetzt ward. Die neue Semmeringstraße war kaum beendet (1840), so dachte man an eine Eisenbahn, und schon 1842 beschäftigte sich die Direktion der österreichischen Staatsbahnen mit Tracirung der vortheilhaftesten Linien. Es wurde nach zweijähriger Berathung der Zug von Gloggnitz über Schottwien und den Semmering nach Mürzzuschlag beschlossen und nach einem von Herrn v. Ghega entworfenen Bauplan im Jahr 1848 selbst in Angriff genommen. Die erste Fahrt geschah am 13. Oktober 1853 und die feierliche Eröffnung der ganzen Bahnstrecke fand am 12. April 1854 Statt.

Um die Kolossalität der zu überwindenden Schwierigkeiten ermessen zu können, ist es nöthig, sich ein anschauliches Bild des Terrains zu machen. Vom Semmering fällt das Gebirge gegen die Donau hin, bis zu dem 4 Meilen entfernten Gloggnitz, schroffer ab als vom höher gelegenen Steyermark. Die Kuppe des Semmering liegt 3132 Fuß über dem Wasserspiegel des adriatischen Meeres, 1828 Fuß über der Station Gloggnitz und 1066 Fuß über dem Bahnhofe von Mürzzuschlag, welcher sonach um 762 Fuß höher liegt als jener von Gloggnitz, weshalb auf der österreichischen Seite die schwierigsten Baue vorkommen. Von Gloggnitz an entwickelt sich die Bahn an den beiden Seiten des reichenauer Thales, überschreitet hinter Schottwien den Adlitzgraben mit einem Viadukt von 12 Klaftern Höhe und einfacher Bogenstellung, welchen unser erstes Bild darstellt, und erhebt sich dann mit einer Steigung von 1 zu 40 auf eine Höhe von nahe 450 Klaftern, umgeht in großen, sich wieder rückwärts bewegenden Bogen die höheren Gebirgsrücken, welche beim Ausgang des Adlitzgrabens ihr in den Weg treten, und erreicht, sich beständig erhebend, den Fuß des Semmeringkegels, welchen sie mit einem Tunnel von 753 Klaftern Länge durchbohrt. Auf der andern Seite kehrt die Bahn mehr zur Richtung der alten Straßen zurück, da das Terrain einen schwächern Abfall und weniger Schwierigkeiten bietet. Sie senkt sich in das Thal des Fröschnitzbaches und endet mit diesem in Mürzzuschlag, von wo sie dann abwechselnd auf Viadukten, in Durchstichen und Tunneln über das coupirte Plateau von Steyermark fortsetzt.