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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band | |
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des Mississippi schützt. Hier ist das Herz von New-Orleans, das Thor, durch welches das Geschäftsleben eines halben Welttheils aus- und einpulsirt. Zur Geschäftssaison, im Herbst namentlich, zählt man die Dampfschiffe, welche hier aus- und einladend beisammen liegen, zu Hunderten und hinter ihnen, mitten im Fluß, liegen die neuen Ankömmlinge, brausend und zischend vor Ungeduld, bis sie die Stelle eines abgehenden Bootes einnehmen können, da sie keinen Platz mehr fanden, um ihren Bug bis zum Wharf hindurch zu drängen; am Quai selbst aber wogt ein Gewühl von Waaren, Menschen und Fuhrwerk, wie es kein Platz in der Welt so aufzuweisen hat, in maßloser Hast und Emsigkeit vom frühesten Morgen den Tag rastlos hindurch, während die glühenden Sonnenstrahlen senkrecht sich darüber ergießen, bis zur hereinbrechenden Dunkelheit. Jeder Fußtritt ist mit Zucker- oder Tabaksfässern, mit Baumwoll- oder Waarenballen verbarrikadirt und dazwischen schreit’s, befiehlt’s, zankt’s und flucht’s in allen Zungen, puffen und zischen die Dampfboote, lärmen die Maschinen, krächzen die Krähne, welche aus- und einladen, schreien die Glockensignale, welche die Passagiere zur Abfahrt rufen und qualmen die Essen, daß die Sonne verdunkelt wird. Weiter unterhalb, außerhalb des Bereiches der Dampfer, verliert die Lebensthätigkeit des Hafens diese fieberhafte Emsigkeit. Da liegen die Flotten der seefahrenden Handelsmarine; das Treiben erscheint geordneter und ruhiger als dort und sieht nicht aus, als wenn, wie bei einer Feuersbrunst, jeder die Minute noch erjagen wollte, die ihm entflieht. Noch weiter hinab setzt sich der Quai in einem Erddamm fort, hinter welchem weitläufige Fabrik-Anlagen sich ausdehnen, an die sich Gemüsegärten, dürftige Wohnungen und schlichte Felder anschließen, bis der unermeßliche Sumpf wieder sein Recht erhält, dem die Stadt selbst ihren Grund und Boden abgerungen hat, und sich noch 100 Meilen weiter in schrecklicher Eintönigkeit bis zum Golf von Mexico ausstreckt.
New-Orleans ist bekanntlich französischen Ursprungs und blieb lange während seiner Entwickelung französisch. Die Nachkommen seines Gründers, Bienville, leben noch hier in Ansehen. Die wunderbare Lage des Platzes, welche ihn zum Schlüssel des fruchtbarsten Ländergebietes der Welt macht, verlieh ihm sehr bald eine große kommerzielle Wichtigkeit und zog Schaaren unternehmender Spekulanten, kühner Abenteurer und Glücksritter herbei, welche da Reichthümer sammelten und verpraßten und ein wildes und genußsüchtiges Leben führten. Obgleich nach der Abtretung Louisiana’s an die Vereinigten Staaten, unter der Regierung Jefferson’s, viel anglosächsisches Blut sich unter die Bevölkerung von New-Orleans mischte, so hat es doch jenen abenteuerlichen, wenn auch sehr abgeschwächten Charakter bis heute sich bewahrt, zum auffallenden Unterschied von allen andern Städten des Kontinents, in denen das amerikanische Element festen Fuß gefaßt hat. Noch immer herrschen da die lockeren französischen Sitten, vergeudet der Kreole den Ertrag seiner Ländereien in üppigem Tafelleben und Trinksucht, Spiel und Müßiggang; noch immer wogt, zugvögelartig, eine Bevölkerung hin und her, um nach kurzer Arbeit reiche Aernten zu sammeln und davon zu tragen; noch immer gilt New-Orleans als eine ergiebige Raubkolonie des Handels und finden sich da noch mit jedem Herbst die fahrenden
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1854, Seite 142. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_16._Band_1854.djvu/147&oldid=- (Version vom 10.10.2025)