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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band | |
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Ritter der modernen Gesellschaft ein, um ihre bankerotten Existenzen mit einem gewagten Griff in die volle Urne der Glückschancen wieder aufzurichten. Dessenohngeachtet tritt jährlich das Gepräge deutlicher hervor, welches das kräftige Geschlecht der Yankees dem Lande aufdrücken. Schon ist die einheitliche Verwaltung der Stadt, welche bis vor Kurzem in vier verschiedene Municipalitäten eingetheilt war, nach ächt amerikanischem Muster eingerichtet. Es überwiegt zwar noch keine Nationalität bedeutend an Zahl, aber im Kampf der Sprachen gewinnt die englische mehr und mehr die Oberhand. Der französische Theil der Stadt geräth in Verfall oder macht der amerikanischen Bauart Platz und vertauscht seine französischen Benennungen mit englischen.
Die Kreolen, die Abkömmlinge der französischen Ansiedler und großen Grundbesitzer, der wohlhabendste und tonangebende Bevölkerungstheil nicht nur von New-Orleans, sondern von der ganzen Louisiana, verlieren mehr und mehr Boden gegen das eindringende Yankeethum. Sichtlich schwindet ihr politischer Einfluß und ihre gesellschaftliche Bedeutung; Verarmung scheint das einzige Erbe zu seyn, welches sie der künftigen Generation übrig lassen. Wie in Montreal und Quebeck werden sie aus den schöneren und belebteren Straßen mit jedem Jahr mehr in die schmutzigern und ärmern Stadttheile zurückgedrängt, und wenn bei den Pflanzern auf dem Lande der Reichthum auch länger den friedlichen Flibustier-Einfällen des amerikanischen Spekulationsgeistes zu widerstehen geeignet ist, so empfinden sie doch schon schmerzlich seine dominirende Konkurrenz, wo er sich in Besitz von Plantagen oder auch brachliegenden Grundstücken gesetzt hat. Fast alle Kreolen-Planters sind trotz ihrer ausgedehnten Besitzungen und zahlreichen Sklaven tief verschuldet, Verlegenheiten bleiben nicht aus und so schlagen sie leichtsinnig ihr Eigenthum an die Yankees los und ziehen sich in die Stadt zurück, wo der Müßiggang und angeborne Schlaffheit sie bald genug an den Bettelstab bringen. Mancher Abkömmling eines französischen Freiherrngeschlechts, der noch seinen Namen in’s goldene Buch der Louisiana eingeschrieben hat, muß jetzt als Nachtwächter die Straßen von New-Orleans durchwandern oder putzt dem Yankee das Pferd. Die meisten zwar leben noch von den Renten eines Eigenthums, die sie in Nichtsthun vergeuden, oder vom Ertrag der Arbeit ihrer Sklaven, die sie an amerikanische Familien als Dienstboten ausleihen oder als Tagelöhner an der Levee arbeiten lassen. Auch hat sich ein Theil der reicheren französischen Stadtfamilien mit Amerikanern durch Heirath verschwägert und er wird dadurch allmählig amerikanisirt. Die Kinder solcher Familien schon verleugnen das Kreolen-Blut, welches sie in sich tragen. Handel und Industrie sind aber jetzt ausschließlich in den Händen der Amerikaner, da der schlaffe Charakter der Kreolen zu nichts weniger taugt als zum Geschäftsmann. So läßt sich mit Sicherheit und in nicht weiter Ferne der Zeitpunkt voraussehen, der von der früher so blühenden und jetzt noch schimmernden altersschwachen Kultur des Romanismus nichts weiter als den Schatten zurückläßt und das gewaltige amerikanische Element zum Herrn aller Lebensquellen des Landes einsetzt. Ist dieser Prozeß vollendet, so wird auch dem erfinderischen Genie dieser Race gelingen, den
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1854, Seite 143. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_16._Band_1854.djvu/148&oldid=- (Version vom 10.10.2025)