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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band | |
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Also ist’s kein Zweifel, daß, trotz aller gewaltsamen Revolutionen, auf einzelne Theile der Erdrinde die allgemeinen Zustände derselben unmerklich und höchst langsam in die gegenwärtigen übergegangen sind. Die Entwickelung des organischen Lebens nahm denselben Verlauf. – Man hat berechnet, wie viel die wässerigen Dünste unserer Atmosphäre, Thau und Regen, die Mütter der Quellen und Ströme, beständig an der Oberfläche der Erdrinde zernagen und Theile derselben durch die Ströme dem Meere zuführen, oder an andern Stellen des Kontinents absetzen: und man fand, daß Das, was unser an die stille Thätigkeit des Wassertropfens gewöhntes Auge kaum bemerkte, tausendmal mehr war, als Das, was Erdbeben und vulkanische Eruptionen zerstören und verändern. Man könnte ganze Gebirge aus Dem aufbauen, was in einem Jahre durch die trüben Gewässer der Flüsse den Meeren zugeführt wird, um die unterseeischen Thäler und Schluchten auszufüllen und einzuebnen.
Konservatismus, Stabilität, – das Schiboleth unserer Staatsgewalten – sind unbekannte Dinge in der Schöpfung Gottes. Nichts ist bleibend, Alles ist veränderlich; nichts ist stillstehend, Alles ist Fortschritt: Entwickelung vom Unvollkommenen zum Vollkommenen hin. Vom ersten Krystall bis zum Menschen können wir sie auf einer Stufenleiter verfolgen, auf der keine Sprosse fehlt. Ein Gesetz waltet in Allem von Anbeginn, überall liegt sein Codex offen, wir finden in den Tiefen der Kohlenschächte wie in den Grabhöhlen urweltlicher Thiergeschlechter, keine fremde Welt, sondern begegnen, so in der Flora wie in der Fauna der Vorzeit, verwandten und bekannten Formen, die uns an die lebenden Geschlechter erinnern. Wir finden uns heimisch in ihnen, wie der Alterthumsforscher in den Straßen Pompeji’s, oder unter den Trümmern von Agrigent oder Athen.
Das vorliegende Bild, ein Prachtstück der unterirdischen Scenerie unsers Planeten, ist kein Werk plötzlich angestrengter Schöpfungskräfte; sein Entstehen füllt unberechenbare Zeiträume aus. Es ist das Werk des Wassertropfens, der, wie in unserer Baumannshöhle am Harze, im Laufe von vielen Jahrtausenden, die lockern Schichten in dem Kalkgebirge allmählig auflöste und als kalkhaltige Quellen an’s Tageslicht führte, die dadurch entstandenen Höhlen später aber mit Tropfsteingebilden austapezirte. In diesem, mit Stalaktiten aus parischem Marmor geschmückten feenhaften Palästen der Unterwelt, ist kein Wirken plutonischer Kräfte zu erkennen, wie sie auf dem naheliegenden Kontinente die Herde ihrer Thätigkeit fanden. Wahrhaft wunderbar ist die Ruhe und das Ungestörte dieser so großen Zeiträume erfordernden Entwickelung. Während rundum die vulkanische Thätigkeit die Meere aufwühlte und Berge aus der Tiefe emporhob, während bis auf den heutigen Tag noch zuweilen Dampfwolken aus dem geborstenen Meergrund zum Aether steigen, oder heiße Quellen urplötzlich aus dem Boden brechen, liegt Paros und Antiparos, inmitten des Schütterkreises, wie eine Oase in der Wüste, ein unberührtes Bild aus der Kalkformation der zweiten Periode, ein Kind des Oceans, der damals die ganze Erdfeste in seinen
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1854, Seite 149. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_16._Band_1854.djvu/154&oldid=- (Version vom 10.10.2025)