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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band | |
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Wogenmantel hüllte. Eine weite Kluft trennt die Zeit seiner Bildung von jenen Landschaften der Nachbarschaft, wo die erloschenen Essen der Erde, die Basaltkegel und Krater, Zeugen gewaltsamer Störungen, in die Lüfte starren und die Organismen der Vorwelt in durch einander geworfenen Schichten von den Zerstörungen Kunde geben, welche wiederholte Revolutionen in diesen Gegenden des Orients angerichtet haben; – Zerstörungen, deren Furchtbarkeit noch in unsern Tagen die Welt mit Entsetzen erfüllt hat. So ruhig blieb es in den Krystallpalästen auf Paros, daß die zierlichsten und zartesten Stalaktiten, welche, wie halbdurchsichtige Spitzenschleier, von den Gewölben herabhängen, so neu und ganz erscheinen, als wären sie von der kunstfertigen Hand des großen Werkmeisters erst gestern gewoben worden. –
Der Eingang zu den Höhlen auf Antiparos ist an dem Fuße eines Bergs, unter einem Hain alter Eichen, in dessen Hintergrund ein natürlicher Portikus aus weißen und rothgesprenkelten Marmorblöcken auf abschüssiger Bahn in die Tiefe führt.
Eine Reihe von weiten Sälen, oft so hoch, daß das Auge, trotz des Fackellichts, die Decke nicht erspähen kann, ist durch mehr oder minder enge Gänge mit einander verbunden; an manchen Stellen sind diese durch tiefe Abgründe getrennt, aus denen das Rauschen unterirdischer Gewässer heraufhallt; halsbrechende Stege führen hinüber, oder man muß auf schwankenden gebrechlichen Leitern in die tiefer gelegenen Höhlen hinabsteigen. Der Boden ist uneben; phantastische graue und weiße Gestalten, am öftersten Palmen, manchmal Gestalten der Thierwelt, Eidechsen und Schlangen, starren von allen Seiten empor und die Einbildungskraft versetzt den Beschauer bald in die Mährchenwelt verzauberter Gärten, bald in die schauerlichen Wohnungen des Drachen oder des Lindwurms. Stunden lang zieht sich das Labyrinth in mehren Richtungen unter der Erde fort und erst der kleinste Theil desselben ist aufgeräumt und zugänglich. Man steigt fast 1000 Fuß zu einer Tiefe hinab, wo die erhöhte Erdtemperatur schon dem Wanderer so lästig wird, daß er kaum athmen kann. Der letzte der zugänglichen Räume ist ein majestätischer Dom von 350 Fuß Länge und fast gleicher Breite, bei einer Höhe von 180 Fuß: – ein Raum, völlig so groß als der der Peterskirche in Rom. Aber um wie viel prächtiger als dieser! Das ganze Innere des Raums ist mit blendend weißem Marmor ausgekleidet, von dessen Decke die halbdurchsichtigen Ornamente, wie von polirtem Alabaster, in einer Mannichfaltigkeit herabreichen, welche die Sinne verwirrt, während ihr Glanz, vom Licht der Fackeln reflektirt, das Auge blendet. Tausend Festons von Blumengewinden, von den lieblichsten Formen, wie sie kein Auge je auf Erden sah, verknüpfen sich an der Decke unter einander, an allen Wänden winden sich weiße, oft rosenfarbige Arabesken hinan, wie sie die Einbildungskraft des üppigsten Künstlergenies nicht erdenken konnte, an allen Vorsprüngen der Marmorfelsen senken sich mit Blumen und Blättern umwundene Säulen zum Boden hinab und dazwischen blitzt das glänzende Getäfel der Klüfte, oft mit farbigen Krystallen übersät,
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1854, Seite 150. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_16._Band_1854.djvu/155&oldid=- (Version vom 12.10.2025)