Seite:Meyers Universum 16. Band 1854.djvu/162

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

Spuren ehemaliger Pracht erheben. Inmitten der Stadt liegt ein englisch angelegter Park, der erst vor Kurzem aus dem Sumpf entstanden ist, und jeden Abend einen Theil der vornehmen und bürgerlichen Welt bei Musik und Tanz versammelt. Im Innern der Stadt, die sich von dem großen Brande noch nicht erholt hat, ist Zigeuner-Volk auf den leeren Brandstätten seßhaft geworden und treibt da ungestört sein tolles Wesen. Der nördliche Theil wird überwiegend von Deutschen und Franzosen bewohnt, welche fast ausschließlich Handel und Gewerbe in Händen haben. An dieses bürgerliche, durch zahlreiche Magazine und offene Marktplätze belebte Viertel schließt sich das alte Bucharest, das, öde und ärmlich, mehr und mehr in Verfall geräth. In dieser Gegend erhebt sich die älteste Residenz der walachischen Fürsten, Michai Woda, der Kern, um den sich die ganze große Stadt nach und nach anlegte, welche jetzt das lange flache Thal von Bucharest ausfüllt. Das alte Schloß, mit seinen finsteren Ringmauern und in seiner Oede und Unförmlichkeit, hat gut zum Charakter seiner Bewohner gepaßt, z. B. des grausamen Hao und wie die Menschenschinder sonst geheißen haben mögen. Dem Schlosse gegenüber steht die älteste Kirche des Landes, welche sein Apostel, der heilige Demetrius, erbaut haben soll, recht apostolisch klein und bescheiden, wie wir uns die primitiven Kirchen-Anfänge in den heidnischen Ländern denken können, gleich unseren einsamen Waldkapellen, deren Glocken von frommen Klausnerhänden geläutet wurden. Einen schreienden Kontrast dagegen bildet die Metropolitankirche, welche die Gebeine des Apostels bewahrt und von hohem Hügel herab, mit einer weitläufigen Priester-Kolonie umgeben, weithin die Stadt beherrscht.

Eine außerordentliche Mannigfaltigkeit in Trachten und Gestalten belebt die Straßen und zeigt eine Geschäftigkeit und Beweglichkeit, welche bei dem orientalischen Charakter der Bevölkerung auffällt. Eine besonders hervorragende Type ist der Jude, im Hut mit breitem Rande und langen abgeschabten Kaftan. Thätig, höflich, nie entmuthigt, befördert er das Leben in allen Beziehungen; man findet an ihm einen gescheiten, verständigen, unermüdlichen Diener, der nichts scheut, weder Verachtung noch Haß, an den man sich mit jedem Begehr wenden kann; er antwortet in allen Sprachen und wenn er sein Geschäft beendet hat, sind seine Industrie, sein Eifer, sein Schweigen, seine Beredtsamkeit, seine Geduld, seine Tugenden, seine Laster, Seele und Körper, mit ein Paar Piaster bezahlt. Mit ihm konkurrirt der Zigeuner an Dienstwilligkeit und Brauchbarkeit. Dieses wundersame Nomadenvolk bewohnt alle Winkel und Löcher der Stadt, wie die Mäuse, und wo es etwas zu sehen, zu stehlen, zu betteln oder zu verdienen gibt, wimmelt’s augenblicklich von diesen zerlumpten, schwarzen, schmutzigen, langhaarigen Gestalten, mit den indischen Gesichtern und fremdartig glühenden Augen.

Gesellschaft und Sitte in Bucharest schildert uns ein scharfer Beobachter aus der jüngsten Zeit als auf der tiefsten Stufe von Ueppigkeit, Laster und Elend angelangt. Die Immoralität gehört da mit zur Familie, sie führt das große Wort in der Gesellschaft, sie sitzt obenan auf dem Divan oder auf dem Ehrenplatz bei Tische. Man heuchelt