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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band | |
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nicht. Die Sünde ist Fashion. Man liest dieses Urtheil in großen Lettern von jedem dieser Gesichter, die interessant seyn könnten, wenn sie nicht so fürchterlich gemein wären. Alle die Eigenschaften, die man dem Orientalen überhaupt zuschreibt, wie niedrige Sinnlichkeit, Lüge, Ehrlosigkeit, finden sich in diesen Zügen wieder, nur daß hier die Feigheit und die Jahrhunderte alte Sklaverei noch das Ihrige hinzugethan haben, um walachische Gesichter entwürdigter erscheinen zu lasten, als türkische oder arabische Physiognomien. Selbst der byzantinische Grieche läßt, was Ausdruck betrifft, den Walachen tief unter sich; nur der Armenier, der unterthänigste Knecht seines Herrn, hält einen Vergleich mit jenen Entarteten aus. Das Gesicht des Zigeuners, des Sklaven des Bojaren, hat mit seiner offen ausgesprochenen Lumperei doch noch etwas Wohlthuendes neben dem Gesichte seines Herrn. Doch ist der walachische Volkstypus nicht überall so herabgekommen. Unter dem Landvolke finden sich wahrhaft schöne Köpfe, und wenn es nicht schon die Geschichte verriethe, die Gesichter würden es besagen, daß hier noch mancher ächte Abkömmling des römischen Kolonisten seßhaft ist. Die bucharester Bojaren-Frauen sind meistens in pariser Pensionen erzogen, oder man hat sie wenigstens in einem Alter, da sie bereits Paris zu würdigen verstanden, dahin geschickt, um ihrer walachischen Bildung die letzten Lichter aufzusetzen. Ihre Männer sind ohne Vorurtheil und nicht gemacht, den Frauen aus Grundsatz oder Eifersucht lästige Schranken zu setzen. Jeder Bojar ist ein geborener Aristokrat, hochadelig in seinen Manieren bis zum Lächerlichen. Bildung heißt ihnen Alles, was aus Paris kommt, und der junge Bojar, der mit einigen neuen Redewendungen aus Frankreich wiederkehrt, ist ihnen ein geschätzterer Mann, als der unglückselige Verirrte, der aus Frankreich und Deutschland mit allem Wissen Arago’s und Humboldt’s beladen heimkäme. Mit einem französischen Calembourg ist man im Stande, sein Glück zu machen; französische Putzmacherinnen, ausgediente Schönheiten, Friseure, Tanzmeister, verlaufene Sprachlehrer sind eben so gewiß, ihre Taschen mit Dukaten zu füllen und als Rentiers nach Paris zurückkehren zu können.
Die Idee einer nationalen Selbstständigkeit ist längst im Bojaren erstorben und Unterwürfigkeit vor dem Mächtigen ist der einzige Charakter, der ihm anhaftet. Die ganze Geschichte der Walachei ist nichts, als ein Schacher mit dem Vaterlande. Ehemals trieb man den Handel mit den Türken, später, als das Land zu einer Art von Selbstständigkeit gelangte, wurde der Schacher en famille getrieben, indem die Bojaren jedem neuen Fürsten ihre Stimmen für Geld und Stellen verkauften. Heut zu Tage haben sie nur ihre unterthänigste Ergebenheit anzubieten, und sie bringen sie Jedem dar, der mit einiger Energie oder Macht auf dem Schauplatze erscheint. So war man zu Zeiten Budbergs russischer, als in Petersburg; so streute man dem einziehenden Omer Pascha Rosen und weißgekleidete Jungfrauen auf den Weg, und so drängte man sich, als Oesterreich in der orientalischen Frage ein lautes Wort mitzusprechen anfing, an, Geburtstage des Kaisers in Masse zum Te Deum in die Kirche und zur Gratulation in’s Konsulat.
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1854, Seite 158. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_16._Band_1854.djvu/163&oldid=- (Version vom 12.10.2025)