Seite:Meyers Universum 16. Band 1854.djvu/173
| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band | |
|
|
der Konkurrenz der Yankee-Spekulation, Rührigkeit und Energie mit dem alt-etablirten Besitzrecht der Kreolen freie Bahn gebrochen hat, letzteres unter dem überwuchernden Einfluß der jungen lebenskräftigen Elemente sehr schnell verkümmert und jenem nichts übrig läßt als die faulenden Wurzeln einer zur Zeit noch glanzvollen, weil ausschließlichen Existenz und einer alten absterbenden Kultur. Das Schicksal der ehemaligen großen, spanischen Besitzungen am Festland, welche durch Kauf oder Eroberung an die angloamerikanische Race übergegangen sind, bewährt diesen natürlichen Prozeß zur Genüge. Die Idee aber, sich gleichzeitig unabhängig vom spanischen Joch und von der Invasion des amerikanischen Elements zu erhalten, versinkt mehr und mehr im Bewußtseyn der eigenen nationalen Ohnmacht. So macht die Furcht vor amerikanischer Agression einen großen Theil der reichsten und mächtigsten Kreolen-Bevölkerung selbst zu Verbündeten ihrer Zwingherren gegen die vom Kontinent ausgehenden Befreiungs-Versuche.
Der jetzige General-Kapitän von Kuba, Concha, ein Spanier von ächtem kastilianischen Blut, ist übrigens der rechte Mann dazu, einen gewaltsamen Umsturz zu beschleunigen. Ein Landvoigt nach altächtem Schlag, angethan mit der unumschränkten Machtvollkommenheit eines Alba, herrscht er in der schönen Kolonie auch im Sinne eines Philipp II. Als hätte er noch eine Armada zu kommandiren, bietet er allen Beziehungen zu seinem mächtigen Nachbar rücksichtslos Trotz; mit frechem Stolz weist er alle Annäherungsversuche und Vergleichungsvorschläge der Republik zurück, häuft Hohn und Schmach auf das sternbesäete Banner, welches sich dem Bereiche seiner Kanonen nähert, verachtet Alles, was im Verkehr gesitteter Nationen heilig gehalten wird, und schaltet mit der Grausamkeit eines Pascha über Leben und Eigenthum ihm gefährlich erscheinender amerikanischer Bürger, wie der eigenen Unterthanen, die nur durch seine Gnade leben. Wer seinem Argwohn verfällt, ist verloren, eine böswillige Denunciation wiegt alle Beweise der Unschuld auf; mit gleicher Grausamkeit wüthet er gegen seine nächsten vermeintlichen Freunde, wie gegen gefangene Flibustier, gegen die Umgebung seines Hofes, wie gegen den in Zurückgezogenheit lebenden Pflanzer; überall erblickt er Konspiration und Anschläge gegen seine Gewalt und sein Leben, bürgerliche Sicherheit ist nur noch ein Schatten, Schrecken geht vor seinen Schritten her und Tod und Verderben sind die Spuren, die sie bezeichnen.
Um so ungestümer ruft jetzt das gemißhandelte Nationalgefühl und der verachtete Stolz der nordamerikanischen Republik um Rache und wir haben jeden Tag zu erwarten, daß die kühne Argonautenschaar an der kubanischen Küste gelandet ist, daß Concha seinen Opfern auf der Garotte gefolgt und die Kanonen vom Kastell Morro und die Stars and Stripes von der Plaza de Armas die Befreiung Kuba’s der erschreckten Welt verkünden.
Möge der Tag, den Gewalthabern zur Warnung, der Menschheit zum Trost, recht bald erscheinen! –
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1854, Seite 168. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_16._Band_1854.djvu/173&oldid=- (Version vom 12.10.2025)